Marie- Geschichte

Marie- Geschichte
Als Marie 2001 von Bielefeld nach Ibbenbüren zog, glaubte sie, ihre letzte Wohnstation erreicht zu haben. Damals war sie 62 Jahre alt und fühlte sich stark und pudelwohl. Jede Woche bearbeitete sie ihren kleinen Garten, putzte das Haus von oben bis unten und ging auch bald diversen aushäusigen Beschäftigungen nach. Von Theater-über Schreibgruppe bis hin zu Kinder- Schreib- und Theater- Gruppen war sie ständig unterwegs und nichts schien ihr zu viel.
Doch jetzt, zwölf Jahre später, sieht alles anders aus. Sie schreibt nach wie vor sehr gerne, ist mehr als glücklich, dass sie VHS- und Schulprojekte betreuen darf und auch die Berichte für den Tanzsport- Club gehen ihr locker von der Hand. Doch alle körperliche Arbeit fällt ihr mehr als schwer. Garten einmal die Woche bearbeiten? Haus von oben bis unten wienern? Schon, aber nur in Etappen und die Gartenarbeit hasst sie inzwischen.
Was also tun? Haus verkaufen? Vielleicht erst einmal sondieren, zur Immobilien- Abteilung ihrer Bank gehen und schauen, ob sie eine schöne gartenlose Wohnung im Angebot hat?
Sie hat, denn kaum ist Marie eingetreten, wird ihr von der ihr bekannten Angestellten eine traumhafte Wohnung offeriert, die sie sofort besichtigen kann. Und dann geht alles Schlag auf Schlag, bevor Marie sich überhaupt besinnen kann, steht ihr Haus im Internet, die ersten Interessenten melden sich, potentielle Käufer sind im Nu da, der Vermieter der neuen Wohnung ist mit ihr als Mieterin einverstanden und Maries Kinder sind genauso verdutzt wie sie.
Doch dann kommt Ruhe in die Sache, die neue Wohnung muss erst fertig gestellt werden, die künftigen Käufer lassen das Haus reservieren und Marie kann alles überdenken. Zunächst schwankt sie zwischen Hoffnung und Verzweiflung, das schöne Haus aufgeben? Gibt sie damit nicht auch auf, tun und lassen zu können, was sie will? Was ist mit der wunderbaren Nachbarschaft, die in zwölf Jahren gewachsen ist? Nein, sie macht alles rückgängig und bleibt im Haus! Basta! Doch dann wird es endlich Frühling und der Garten hat es nötig, beackert zu werden, die Terrasse ist grün, der Abstellraum braucht Farbe, einiges andere auch und überhaupt, Marie setzt sich ins Auto und schaut sich die mit Balkon bestückte aber gartenlose Wohnung erneut an.
Tja, und so neigt sich nach und nach die Waagschale zu Gunsten der neuen Wohnung, und als dann noch ihre Freundin Gerdi kommt und ebenfalls begeistert ist, gibt es kein Zurück mehr. Allerdings steht nun noch der Umzug wie ein Schreckgespenst vor ihr. Doch tief im Inneren weiß Marie, es wird sich alles fügen, wie so oft in ihrem Leben.
Jutta Lorenz