„Die Mähmaschine“ von Günther Barlag aus Münster

Günther Barlag
Das Buch behandelt Geschichten aus Ibbenbüren. Der Leitfaden, aber nicht die Hauptsache, ist eine moderne kanadische Mähmaschine, der ganze Stolz von Günters Opa, der eine kleine Landwirtschaft hat.
Günther schreibt das Buch so, als hätten er und Horst ihre Erlebnisse in Ibbenbüren dem Autor des Buches geschildert, dadurch vermeidet er die Ich-Form. Es wird klar, dass Adolf Hitler und der Nationalsozialismus vom Großvater und auch von Günther abgelehnt werden.
Bei Horst und Günther handelt es sich um zwei etwa 16 Jahre alte dicke Freunde. Horst ist der 2011 verstorbene bekannte Allgemeinarzt Dr. Horst Massing, An der Umfluth 6. Er war in Ibbenbüren sehr bekannt, man könnte ihn als Ibbenbürener Urgestein bezeichnen. Günther ist der Sohn vom Bestattungs-Unternehmer Moritz Barlag, Münsterstr. 56. Er ist der Buchautor und er lebt in Münster, ist weit über 80 Jahre alt und sehr heimatverbunden.

Eine verwegene Idee

Kurzfassung eines Aufsatz im Buch „Die Mähmaschine“. Mit freundlicher Genehmigung von Günther Barlag. Der Aufsatz schildert, wie Horst und Günther sich entschließen, mit einer privaten Flakstation Ibbenbüren zu verteidigen.

Es war im Sommer des Kriegsjahres 1940, als Günther, vom Bäcker Kümper kommend, Horst zum ersten Mal sah. Horst hütete auf einem schmalen Wiesenstück südlich des Mühlenteichs, das dem Großvater von Günther gehörte, eine Ziege. Günther sprach Horst an und es entwickelte sich dann ein Gespräch, das zwischen den beiden eine „dicke Freundschaft" einleitete, die bis zum Tode Horsts am 23.Juni 2011 beständig anhielt. In den ersten Jahren trafen sie sich fast täglich. Horsts schon damals ausgeprägte Liebe für die Landwirtschaft führte dazu, dass er nach besten Kräften wäh­rend der Erntezeit in der mittelgroßen Landwirtschaft von Günthers Groß­vater mithalf, wobei sich zwischen Günthers Großvater und Horst ein ver­trauensvolles Verhältnis bildete.

Der Entschluss

Als die feindlichen Bomber und Jagdflugzeuge den Luftraum über Deutschland immer mehr beherrschten und in den letzten Jahren des Krie­ges auf alles schossen, was sich dort unten bewegte, entschlossen sich die beiden Jungen, im Herbst 1944 sich zu wehren gegen die da oben, die ihr ganz persönliches Leben dirigierten, erbarmungslos und menschenun­würdig. Die anfängliche Angst verlor sich mit jedem neuen Tag mehr und mehr. Ein unbeschreiblicher Zorn überkam sie jedes Mal aufs Neue und lenkte ihre Gedanken in eine einzige Richtung:“ Denen da oben werden wir es irgendwann schon zeigen" schworen sie sich. Es war für sie ein heiliger Schwur. In vielen Stunden hatten sie sich darüber unterhalten, wie sie es bewerkstelligen könnten, eine Waffe zu besorgen und einen geeigneten Platz für den Bau einer Luftverteidigungsstellung" zu finden, auch für ihre eigene Verteidigung. Der Gedanke daran beschäftigte sie Tag und Nacht, und je mehr die Tieffliegertätigkeit der amerikanischen Jagdbomber zunahm und je mehr sie den Himmel beherrschten, desto intensiver beschäftigten sie sich mit dem Gedanken, dagegen etwas zu tun.

Das Problem

„Wir haben zwei Probleme", überlegte Günther, „erstens, wie bekommen wir eine Waffe, und zweitens, wo stellen wir sie auf!" „Sobald ein Bomber oder Jäger in der näheren Umgebung abgeschossen wird oder eine Notlandung macht, holen wir uns ein Maschinengewehr mit Munition; die Bordwaffen der Amis sind leicht auszubauen, macht mit einem Schraubenzieher und Schrauben­schlüssel überhaupt keine Mühe. Das habe ich kürzlich bei der amerikanischen Fortress II-B-24, die auf dem Dickenberg abgestürzt war, festgestellt. Leider waren die Maschinengewehr-Läufe alle verbogen. Ist überhaupt kein Problem. Das Transportproblem können wir schon irgendwie lösen, zum Beispiel mit dem Fahrrad", erwiderte Horst. „Aber wo, meinst du, stellen wir dann das Maschinengewehr auf?" fragte Günther. „Der beste Platz wäre der Berg", überlegte Horst, „da sind wir näher dran. Wir graben zunächst ein Loch, etwa zwei Meter lang und anderthalb Meter tief. Grundwasser haben wir da oben ja nicht. Auf den Boden legen wir ein Brett. Mit der ausgegrabenen Erde machen wir einen Wall, als Schutz. Der beste Platz ist direkt am Waldrand, dann haben wir zu dieser Seite hin Deckung. Den Wall müssen wir dann zur offenen Seite schaufeln, und zwar mit einer Aussparung in der Mitte, etwa fünfzig Meter breit. Da hinein stellen wir dann das MG. Den Boden müssen wir dann wegen des Rückschlags mit einem starken Brett oder mit einer Eisenplatte verstärken." „Gute Idee", meinte Günther, „aber wie bekommen wir das MG und die Munition da hin?" „Ganz einfach: Zunächst buddeln wir das Loch, mit unserem Hand­wagen bringen wir die Bretter auf den Berg. Sobald Opa zum Berg fährt, befestigen wir das MG mit Draht an dem Boden. Wir müssen nur aufpassen, dass Opa das nicht merkt. Die Munitionskästen müssen wir dann wieder mit dem Handwagen zum Berg bringen, das ist über­haupt kein Problem. Am besten, wir fangen mit dem Graben so bald wie möglich an, vielleicht Sonntag, da ist da oben sowieso kein Mensch." „Gut, besorgen wir uns also Bretter und zwei Spaten oder Schaufeln; von mir aus können wir am Sonntag anfangen!"

Das Flugzeug

In Günthers Antwort war eine gewisse Begeisterung, aber auch Angst zu spüren vor diesem gefährlichen Vorhaben. Dann war es soweit: Horst hatte von dem gleichaltrigen Mitschüler Herbert Brickwedde, der an der Münsterstraße südlich der Gaststätte Altenhövel wohnte, erfahren, dass eine „Liberator" am 23. September 1944 auf einem Acker des Bauern Bronswick in Schierloh abgestürzt war. Am nächsten Tag radelten dann Günther, 13 Jahre, und Horst, 14 Jahre alt, mit geborgten Fahrrädern zu der angegebenen Absturzstelle. Nach etwa einer dreiviertel Stunde erreichten sie die Absturzstelle der „Libera­tor", die in zwei Teile zerbrochen war. Wie in einen dunklen Schlund sah man in die zerfranste Öffnung des in der Mitte abgebrochenen hinteren Rumpfteils mit dem Leitwerk.

Die Pilotenkanzel und die Tragflächen mit den vier Motoren, deren Propeller verbogen waren und sich in die Erde gebohrt hatten, lagen in fast senkrechtem Winkel zu dem abgebrochenen hinteren Rumpfteil mit dem haushohen Leit­werk. Trümmerstücke verschiedener Art und Größe lagen verstreut umher. Die mit einem rotweißen Band abgesperrte Absturzstelle wurde von einem älteren Soldaten mit geschultertem Karabiner K 98 be­wacht. „Donnerwetter", rief Günther erstaunt aus, „ist das ein Riesending!" „Eine Liberator, B 24", antwortete Horst. „Zwölf Mann Besatzung, zehn Maschinengewehre, Kaliber 12,7, davon zwei doppelte in Plexiglas-Kuppeln." Die beiden Jungen erreichten die Absperrung und legten ihre Fahr­räder auf die Erde. „Jetzt kommt es darauf an", sagte Horst, „bleib' du hier bei den Fahrrädern, ich quatsche jetzt mit dem Soldaten." Er räusperte sich und ging mit großen Schritten geradewegs auf den Wachhabenden zu.

Die Horst'sche Köpenickiade:

„Heil Hitler, Jungen­schafts-Führer Massing vom Fähnlein 6 'Theoderich' in Ibbenbüren", baute er sich mit zusammengeschlagenen Hacken zackig vor dem wachhabenden älteren Soldaten auf. „Ich habe vom Gaubannführer Westfalen-Nord den Auftrag, verwertbare Waffen nebst Munition für die Heimatverteidigung hier zu beschlagnahmen. Hier ist meine Legiti­mation!" Er überreichte dem Soldaten ein „Merkblatt über die Be­handlung feindlicher Waffen und Munition", das er hinter dem letzten Absatz mit dem Zusatz „Hiermit wird der Jungenschafts-Führer Horst Massing vom Fähnlein 6 'Theoderich' in Ibbenbüren beauftragt und ermächtigt, verwertbare Waffen nebst Munition abzuholen für die Hei­matverteidigung an der Flakstellung Gruppe A 4/199496, Ibbenbüren, Ledder Straße mit der Schreibmaschine seines Vaters mühevoll ergänzt hatte. Der wachhabende Obergefreite aus dem Schwabenland, ein gemütli­cher Mensch, froh, hier seinen Dienst als Wachposten verrichten zu dürfen wegen seiner in Stalingrad erfrorenen Zehen, musterte Horst von oben bis unten und nahm das ihm vorgehaltene Stück Papier ent­gegen. „Sei gegrüßt, holder Jüngling", erwiderte er jovial in schwäbischem Dialekt Horst, „was habbe mer denn da? Da wolle mer mal gucke!" Er suchte in seinen Taschen umständlich nach seiner Brille. „Verdammi auch, habbe meine Brille vergesse; lies es doch mal vor!" reichte er Horst das Merkblatt wieder zurück, das dieser erleichtert annahm und dann den Text vorlas. Das Blaue vom Himmel lügend, ergänze er: „Die 3,7-Oerlikon auf unserem Flakstand in Ibbenbüren, Standort Ledder Straße, ist ziemlich ausgeleiert und streut ganz schön. Wir haben zwar schon eine 'Mustang' und zwei 'Lightnings' herunter­geholt, aber weil die Amis jetzt immer tiefer fliegen, müssen wir ein Maschinengewehr mit schnellerer Feuerkraft einsetzen. Wenn wir aus der 'Liberator' ein Maschinengewehr ausbauen und damit die Luftverteidigung verstärken, dann schlagen wir die Feinde mit ihren eigenen Waffen!"

„Wie alt bisse eigentlich?"
„Sechzehn Jahre."
„Siehst aber viel jünger aus!"
„Ich trinke viel Milch, das macht jünger."
„Rauchste auch schon?"
„Hin und wieder, zwei bis drei Zigaretten am Tag."
„Haste 'nen Jabbel (Zigarette) für mich?"
„Aber selbstverständlich, Moment bitte!"

Vorsorglich hatte Horst, der einfach an alles dachte, eine Schachtel R-6-Zigaretten eingesteckt, die sein Vater, der Nichtraucher war, in einem Fach des Wohnzimmerschrankes aufbewahrt hatte, um sie, die so begehrt waren und nur sporadisch bei Vorlage von Bezugsscheinen ausgegeben wurden, gegen andere Mangelwaren irgendeines Tages mal einzutauschen. Er zog sie aus der Brusttasche seines Uniformhemdes und reichte sie dem Soldaten, der sie freudig ergriff. „Sie können die ganze Schachtel behalten!"

„Tausend Dank! Endlich mal 'ne Aktive; und dann noch meine Lieblingsmarke!" öffnete der schwäbische Obergefreite die Zigaretten­schachtel und steckte sich hastig eine Zigarette in den Mund. Während er sie mit einem Sturmfeuerzeug anzündete, erklärte er Horst: „Also, das meiste ist Schrott. Aber in dem Hinterteil an der rechten Luke und in der Heckkanzel sind noch ein paar MGs heil geblieben. Passt aber auf, auf keinen Fall offenes Feuer, ist überall noch Treibstoff. Das MG in der rechten Luke könnt ihr am leichtesten ausbauen, Munitions­kästen liegen daneben. Seid aber ganz vorsichtig. Bomben sind nicht mehr da, die haben sie über Bielefeld im Notwurf abgeworfen." Horst bedankte sich für den Hinweis und wandte sich zum Gehen. „Ist das Ding denn nicht zu schwer für dich und das Fahrrad?" „Für einen Hitlerjungen ist nichts unmöglich", erwiderte Horst. „Das Maschinengewehr vorne in der Kanzel ist verbogen; das würde ich auch mitnehmen. Dann könnt ihr damit um die Ecke schießen, als Ergänzung unserer neuen Wunderwaffen", grinste der Wachsoldat sar­kastisch. „Keine schlechte Idee, das holen wir uns morgen!" verabschiedete sich Horst. „Jetzt sollen die Kinder das Dritte Reich retten", dachte der alte Sol­dat kopfschüttelnd. Gierig zog er an der Zigarette.

Es war leichter als sie dachten, das Maschinengewehr aus der gabel­förmigen Halterung zu lösen. Sie gebrauchten dazu nicht einmal den Schraubenschlüssel, den Horst in einer leinenen Handtasche mitge­nommen hatte.

Das Donnerwetter

Horst befestigte den schweren Schaft des Maschinen­gewehrs an den Lenker des Fahrrads; den etwas leichteren Lauf hielt er mit der linken Hand, so dass er nur einhändig fahren konnte. Günther nahm zwei Munitionskästen und befestigte sie mit ihren Grif­fen links und rechts an dem Gepäckträger. „Das erste Problem haben wir gelöst", lachte er, „jetzt kommt der zweite Streich; das kriegen wir auch noch hin!" Langsam, wegen des Gewichts, fuhren sie dann, einen anderen Weg wählend, zurück nach Hause. Zu Hause angekommen, waren sie Großvater direkt in die Arme ge­fahren: Großvater starrte auf das Maschinengewehr. „Was ist das denn?" fragte er entgeistert. ,,'n Ma-schi-nen-ge-wehr", stotterte Horst, völlig überrumpelt. „Das sehe ich auch", antwortete Großvater, böse und mit krauser Stirn. „Jetzt weiß ich auch, wer das Loch auf dem Berg gegraben hat. Ihr wolltet da das Maschinengewehr aufbauen und dann ballern, nicht wahr, einfach so auf die amerikanischen Jagdbomber ballern! Ihr seid wohl total verrückt geworden! Die hätten euch doch wie Kaninchen abgeknallt!"

In seiner verständlichen Erregung angesichts des gefährlichen Vorhabens der beiden Jungen wurde Großvater ein wenig pathetisch: "Auf meinem Acker dulde ich keine gewalttätigen und kriegerischen Handlungen, dafür habe ich ihn nicht geschaffen. Es ist schon Blut genug geflossen in diesem verfluchten Krieg, wollt ihr auch eure Hände mit Blut beflecken, auf dass eure Seele ein ganzes Leben lang damit belastet wird?"

Verdattert und mit gesenktem Köpfen standen Horst und Günther wie begossene Pudel vor Großvater. Bei abklingender Erregung kam dann in Großvater Mitleid auf, als er die beiden Jungen, völlig am Bo­den zerstört, vor sich sah. In gemäßigtem Ton fuhr er fort: „Seid also bitte vernünftig und legt das Maschinengewehr auf die Kippkarre, die Munitionskästen auch.

Die Versenkung

Am Abend fuhr Großvater dann mit der Kippkarre zum Mühlen­teich und versenkte das Maschinengewehr mit den Munitionskästen dort an einer tieferen Stelle „Verdammtes Teufelszeug", fluchte er dabei. Er war ziemlich hart mit den beiden Jungen „ins Geschirr" gegangen, dachte er unterwegs, aber die Sorge um sie, was alles hätte geschehen können und sein Erschrecken beim Anblick des Maschinengewehrs rechtfertigten ja wohl seine harten Worte, die er zum ersten Mal gegenüber Horst und Günther gebraucht hatte. Und das beruhigte Großvater dann auch bald. Kopfschüttelnd sprach er auf dem Rückweg leise vor sich hin: „Auf welche Ideen die Jungen heute kommen! Die beiden hätten doch tat­sächlich eine private Flakstellung aufgebaut und auf die feindlichen Jagdbomber geschossen!" „Und dann war alles für die Katz', unterbrach Horst das Schweigen, „und die Zigaretten bin ich aus los!" fügte er hinzu. „Und die ganze Buddelei auf dem Berg war auch umsonst", fiel Günther in das Klagelied seines Freundes ein.

So endete dieses gefährliche Unternehmen; es war in jedem Sinne des Wortes eine verrückte Idee.

Werner Suer

 

 

Vortrag in Ibbenbüren zum Internationalen Holocaust-Gedenktag

Ende Januar 2015 war in der Aula der Kaufmännischen Schulen in Ibbenbüren eine Gedenkveranstaltung mit einem Vortrag zum Internationalen Holocaust-Gedenktag in Erinnerung an die Befreiung aus dem KZ Auschwitz vor 70 Jahren. Oberstudienrat Reinhold Berg begrüßte die Gäste und zündete eine Kerze an. Nach einer Schweigeminute eröffnete er den Abend mit ein paar Informationen zur Patenschaft Ibbenbürens mit Jastrzebie-Zdroj, dem ehemaligen Bad Königsdorff im heutigen Polen und Informationen zum Arbeitskreis der Gedenkstätte Oswiecim/Auschwitz, dem berüchtigten Konzentrationslager. Dieser Arbeitskreis wird von der Schule

und dem Förderverein unterstützt und die Lehrer hoffen, dass bald wieder eine Fahrt mit den Schülern nach Auschwitz stattfinden kann. Der Historiker Sebastian Rolf aus Ibbenbüren schilderte in seinem Vortrag den Aufstieg des Nationalsozialismus in unserer Heimatstadt als Teil seiner Facharbeit „Die Vertreibung der jüdischen Gemeinde Ibbenbürens“. 

Darüber hatte er 2009 seine Examensarbeit im Fach Geschichte an der Universität Münster geschrieben. Nach dem Sieg der National-Sozialisten bei den Wahlen 1933 gab es in Ibbenbüren mit 18.500 Einwohnern noch 52 Juden, die am gesellschaftlichen Leben in den verschiedenen Vereinen und Verbänden teilnahmen und voll integriert waren. Die Bevölkerung war überwiegend katholisch, die stärkste Partei war das Zentrum, die  Nationalsozialisten erreichten immerhin schon 36 Prozent der Wählerstimmen. Doch mit ihrem Erstarken wurde der Hass auf die Juden geschürt mit Boykottaufrufen gegen jüdische Kaufleute, Fotografieren von Deutschen, die beim Juden kauften und Hetzartikeln in der Zeitschrift „Der Stürmer“, die in einem Schaukasten am Bahnhof präsentiert wurde. Juden wurden aufgefordert, ihren Besitz zu verkaufen und aus Deutschland

zu verschwinden. 1942 konnte der Bürgermeister stolz verkünden „Ibbenbüren ist judenrein“, nachdem die Juden untertauchten oder ins Ausland flüchteten oder im KZ ermordet wurden. Sebastian Rolf kündigte nach seinem Vortrag an, dass er das Honorar für einen geplanten Stolperstein in Ibbenbüren spendet. Der Rat der Stadt hatte kürzlich beschlossen, Stolpersteine im Pflaster zu verlegen, um an die Opfer des Nationalsozialismus in Ibbenbüren zu erinnern. Die Ibbenbürener Historikerin Dr. Marlene Klatt ging noch einmal auf die Patenschaft Ibbenbürens mit Jastrzebie-Zdroj ein und erinnerte an den schreckliche Todesmarsch der Überlebenden des KZ Auschwitz zum Lager Mauthausen in Österreich. Die Gedenkstätte in Mauthausen wird von österreichischen und auch deutschen Schülern und Pfadfindern gepflegt, um ein deutliches Zeichen zu setzten gegen das Vergessen und gegen Fremdenhass. Nach dem Vortrag bestand die Gelegenheit, Fragen an Oberstudienrat Reinhold Berg zu richten, er bedankte sich dann für die Ausführungen von Sebastian Rolf. Zum Schluss wurde ein Film der Schülerin Stephanie Börsting mit bedrückenden Bildern aus dem Vernichtungslager Auschwitz gezeigt.

 

Werner Suer

 

Siehe auch Holocaust-Gedenktag

www.70.auschwitz.org

St. Josef-Stift Ibbenbüren

Erinnerungen an die Schulzeit der "Sechziger-Jahre"

Am 25. April 1962 begann das Schuljahr mit der neuen Leiterin Fräulein Renate Kruse. Zu der Zeit gehörten auch noch mehrere Ehrwürdige Schwestern zum Lehrerkollegium der Mädchenrealschule. Lehrschwestern waren Schwester Ansgara (für Mathe, Physik, Chemie) , Schwester Oscara und die neue Oberin, die Haushaltslehre und Nadelarbeit übernahm. Als sehr strenge, aber von allen respektierte Lehrerin galt Schwester Ansgara, die schon seit 1950 an der Schule unterrichtete.

 

Ein Höhepunkt in diesem Jahr war der Neubau der Turnhalle. Für dieses Vorhaben wurde das Haus Nr. 2 an der Schulstraße  -bekannt im Volksmund unter “Judenhaus“ - abgerissen. Die feierliche Einweihung durch Dechant Heufers erfolgte am 5. November 1963.

Im folgenden Jahr fand in dieser Halle eine große Handarbeits-, Werk- und Zeichenausstellung statt. Die Anschaffung eines eigenen Webrahmens hatte es ermöglicht Jacken, Kleider, farbenfrohe Vorleger und Brücken dafür anzufertigen. Decken, Schürzen, Kopfkissen mit den verschiedensten Zierstichen, Häkelarbeiten, Bast- Sisal- und Batikarbeiten gehörten ebenso zum reichhaltigen Angebot. Rund 1000 Gäste waren der Einladung durch die Leiterin gefolgt und freuten sich über die vielfältige Ausstellung.

Zu den jedes Jahr wiederkehrenden Ereignissen gehörte auch die Adventsandacht, die in der Weihnachtszeit jeden Montag unter dem brennenden Adventskranz im Treppenhaus abgehalten wurde, außerdem der Besuch vom Nikolaus und Knecht Ruprecht. Der Nikolaus brachte sein “Himmelstagebuch“ mit und anhand dieses Buches lobte 
oder tadelte er die einzelnen Schülerinnen. Danach gab es Plätzchen und außerdem noch Bücher für die Bibliotheken der einzelnen Klassen. Zu den zusätzlichen adventlichen Aktivitäten gehörten 1965/66 das Packen und Verschicken von Paketen in die Ostzone.

Großer Beliebtheit erfreuten sich die ein- oder auch mehrtägigen Klassenfahrten. Sie gehörten zu den Höhepunkten eines jeden Schuljahres. Im Jahr 1965 erfolgte die erste Auslandsfahrt nach Frankreich, um die alle Teilnehmerinnen beneidet wurden. Aber auch Exerzitien mit Schwester Ansgara standen auf dem Programm. Nicht so beliebt waren die Pflichtbesuche der wöchentlichen Schulgottesdienste am Freitagmorgen um 8 Uhr in der St. Mauritius- bzw. Christuskirche. Nachdem ältere Schülerinnen sich geäußerten hatten, dass sie die Teilnahme als Zwang empfinden würden, erfolgte eine Änderung. Die Unter- und Oberstufe durften sich 14-tägig abwechseln.

Um eine schnelle Umstellung des Schuljahresbeginn von Ostern (derzeitige Einschulung) auf den Herbst zu erreichen, fand 1966 das erste Kurzschuljahr vom 20. April bis 30. November statt. Das zweite folgte vom 5. Dezember 1966 bis 26. Juli 1967, um dann 1967/68 endlich  wieder ein Schuljahr über zwölf Monate erreicht zu haben. Gleichzeitig erfolgte die Umbenennung der Klassenbezeichnungen von sonst 1 – 6 auf dann 5 – 10.

Großer Wert wurde auch auf die musikalische Ausbildung der Schülerinnen gelegt. Es wurden Konzerte vom Schulchor und –orchester mit “Geistlicher Musik“ veranstaltet. Die Einnahmen aus diesen Konzerten waren für die Anschaffung einer schuleigenen Orgel bestimmt. Auch der Verkauf von rund 250 aufgenommenen Schallplatten zum Preis von 5,00 Mark sollte dazu dienen.

Das Ziel der Schule stand immer im Mittelpunkt -  Die Schülerinnen ganzheitlich zu prägen und christliche Werte zu vermitteln. Veränderungen haben stattgefunden, die Erinnerungen bleiben.

Gaby Schneuing

 

Zur Geschichte der Schule:

Die Anfänge der Höheren Mädchenrealschule gehen auf das Jahr 1902 zurück. Am 16. April begann mit vierzehn Schülerinnen das erste Schuljahr. Lehrkräfte waren die Schwestern von der Göttlichen Vorsehung. Schon 1927 erhielt sie die staatliche Anerkennung als Mittelschule und konnte somit die Mittlere Reife erteilen. Durch den großen Andrang waren die räumlichen Kapazitäten  bald erschöpft und es wurde über einen Neubau nachgedacht. Dieser erfolgte auf dem ehemaligen Grundstück “Kröners Tempel“, Ecke Schulstraße/Kanalstraße. 1931 erfolgte der Umzug dort hin.

Ein weiterer Umzug erfolgte 1973, nachdem das Bischöfliche Generalvikariat dem Bau einer dreizügigen Realschule, einschließlich Turnhalle, auf dem Rählmannschen Gelände an der Wilhelmstraße zugestimmt hatte. Am 1. November 1973 erfolgte der Einzug in die neue Schule.

Zur Erinnerung an das Leben und vor allen an das völkerverständige Wirken   Papst Johannes XXIII. , bürgerlich “Angelo Giuseppe Roncalli“ , wurde er als Namens- und Schutzpatron gewählt und die Schule Roncalli-Schule genannt.

Die Künstlerin Tisa von der Schulenburg schuf eine 1,10 m hohe Bronzestatue , die von ihr genau nach Maß angefertigt wurde, damit sie an die Säule im Eingangsbereich des sogenannten Pädagogischen Zentrums der Schule passte. Die Schule schätzt sich bis zum heutigen Tage glücklich, ein Werk dieser Künstlerin, die 1949 zum Katholizismus konvertierte und als Schwester Paula in das Kloster der Ursulinen in Dorsten eintrat.

In der Schulkonferenz im Januar 1991 fiel, nach einer schweren Entscheidung, der Entschluss, die Mädchenrealschule zum nächsten Schuljahr auch für Jungen zugänglich zu machen. Damit wurde auf Veränderungen der örtlichen Schullandschaft und den Wunsch der Eltern reagiert.

Das neue Schuljahr begann am 2. September 1991 mit einer gravierenden  Änderung. Erstmalig, nach einer fast 90-jährigen Tradition, konnten Mädchen und auch Jungen die Roncalli-Schule besuchen.

 

Das Bestreben galt weiterhin, die gute und gezielte Mädchenförderung zu erhalten unter dem Motto: “Bewährtes erhalten, Neues wagen“

 

Gaby Schneuing

Die „Drei Hasen“ vom Groner Wald

von links - Gustav Deiters sen. von der Stärkefabrik Crespel & Deiters, im Hintergrund Forstmeister Hendrik Schulze-Westenhoff und der Berichterstatter Werner Suer, davor Christa Stengel von der Offenen Keramikwerkstatt.

Die „Drei Hasen“ vom Groner Wald

Im Groner Wald am Soldatenfriedhof vorbei führt der Weg auf den Berg zum Kammweg. Mitten im Wald steht eine kleine Steinpyramide mit eingelassener

Tontafel, auf der drei Hasen abgebildet sind.

Der Geschichte dieses Steines soll nachgegangen werden. Es handelt sich um den „Drei-Hasen-Stein“ mit dem Markenzeichen der Stärkefabrik Deiters.

1929 kaufte die Firma Deiters das Gut „Grone-Langewiese“ mit den Wäldern im Groner Wald, um ausreichend Wasser für den Betrieb der Fabrik aus den wasserführenden Schichten fördern zu können.

1930 wurde die Feldstein-Pyramide von Egon Holzapfel, dem Sohn des Försters von Gut Langewiese aus Steinen, die sich in der Umgebung fanden, lose aufgerichtet.

Nachdem Unbekannte kurze Zeit später das Werk zerstört hatten, erwies es sich als notwendig, die Steinpyramide mit Mörtel zu stabilisieren. In diese Pyramide wurde dann die „Drei-Hasen“-Tafel aus gebranntem Ton eingelassen.

Mittlerweile war die alte Tafel so verwittert, daß das Motiv kaum noch zu erkennen war.

Daher wurde überlegt, eine neue Tafel anzubringen. Christa Stengel und Elke Werremeyer von der Offenen Keramikwerkstatt der VHS Ibbenbüren machten sich ans Werk und schufen die Tafel, die seit heute das Denkmal auf dem Berg ziert.

Auf der Tafel sind drei Hasen so geschickt dargestellt, daß statt sechs nur drei Löffel zu sehen sind. Die passende Umschrift lautet „Drei Hasen und der Löffel drei, und doch hat jeder seine zwei“.Bereits 1899 erfolgte die Anmeldung des Warenzeichens mit den „Drei Hasen“ beim Kaiserlichen Patentamt. Es gibt zahlreiche Vorbilder dieser Darstellung, der Hase ist schon seit dem 4. Jahrhundert als Symbol der Auferstehung bekannt. Den Christen dient das Motiv seit frühester Zeit als Zeichen der Dreifaltigkeit von Gott Vater, Sohn und dem Heiligen Geist. Es findet sich in vielen Kirchen im Maßwerk der Fenster.

Im Paderborner Dom laufen die Hasen im Uhrzeigersinn, im Dom zu Münster laufen sie entgegengesetzt - ebenso im Zeichen der Stärkefabrik Crespel & Deiters.

Joseph Deiters soll die Idee gehabt haben, das Symbol der „Drei Hasen“ als Warenzeichen der Weizenstärkefabrik zu verwenden. Während einer Predigt im Dom zu Münster entdeckte er das Hasen-Symbol im Gewölbe des Johannis-Chores und kam auf den Gedanken, das Zeichen als Symbol für die Firma zu verwenden.

Auch an der Gustav-Hugo-Straße begegnen wir der „Drei-Hasen“-Tafel in der Dreihasen-Siedlung. Sie wurde 1934 für Werksangehörige der Stärkefabrik gebaut. Am Eingang der schmucken Siedlung mit den Häusern aus Ibbenbürener Sandstein wurden zwei mächtige Torpfeiler aus Backsteinen errichtet.

Jeder Pfeiler trägt zur Gravenhorster Straße hin die „Drei-Hasen“-Tafel aus gebranntem Ton. Auch diese beiden Tafeln waren mit der Zeit stark verwittert, so daß Gustav Langkamm und seine Frau Agnes von der Töpfergruppe Dickenberg sich 1990 ans Werk machten und die beiden alten Tafeln durch neue ersetzten.

Aus einem Zeitungsartikel von 1937 erfahren wir, daß es früher einen „Dreihasen“-Spielplatz gab, errichtet von der Firma Crespel & Deiters.

Er lag an der Groner Allee Er „diente den Kindern als verkehrssicherer Tummelplatz, wo sie sich in frohem Spiel entwickeln können“, wie die Zeitung damals schrieb.

Der Platz stand natürlich allen Kindern offen und er war ein richtiger Abenteuerspielplatz, der von einem Bächlein durchflossen war, über das ein kleiner hölzerner Steg führte. Das ganze Gelände lag etwa einen Meter tiefer als die Umgebung und der Spielplatz war von Sträuchern eingerahmt. Ob dort auch die „Drei Hasen“ ihr Spiel trieben, ist nicht überliefert. Nach Aufhebung des Spielplatzes wurde die Vertiefung aufgefüllt. An dieser Stelle steht heute die katholische Kirche St. Ludwig.