Steinmetzzeichen an unserer Christuskirche

Schon vor über 4000 Jahren verwendete man in Ägypten Steinmetzzeichen.

Heutzutage können Wissenschaftler anhand dieser „Unterschriften“ bestimmte Steinhauer oder Werkstätten identifizieren. Interessante Informationen sind ablesbar, wie zum Beispiel die Entwicklung des Baustils. Die Wanderungen der freien Maurer von einem Kirchenbau zum anderen, deren Werkstätten und Bauhüttenstandorte lassen sich nachvollziehen.  In Ibbenbüren gibt es sie auch, diese mittelalterlichen Handwerkerzeichen, viele sind an unserer Christuskirche zu entdecken. Ein Zeichen auf einem behauenen Stein zeigt das Werk eines bestimmten Steinmetzes. Es erleichterte damals auch die Abrechnung für die Güte und Anzahl der gelieferten Werksteine.

Während der großen Kirchenbauzeit in Westfalen vor ca. 500 Jahren waren nicht in jedem Ort Steinhauer ansässig. Die wandernden freien Maurer zogen von Ort zu Ort, je nach Auftragslage und vollbrachten wahre Wunderwerke.

Immer, wenn nach endlos langer Bauzeit wieder eine unbegreifliche, himmlische Kathedrale entstanden war, zogen die Maurer weiter und hinterließen ein unglaubliches Meisterwerk an Baukunst. Für die Bevölkerung waren die freien Maurer ein Handwerkervolk mit mysteriösem handwerklichem Können, bald wurden ihnen rätselhafte, dunkle Eigenarten nachgesagt…

Die Handwerker und auch die Leute im Dorf oder in der Stadt erlebten meistens die komplette Bauzeit gar nicht, vielleicht nur 20, 30, 40 Jahre, also war ein Leben lang die monumentale, rätselhafte Kirchenbaustelle im Ort. Manchmal dauerte ein Kirchenbau über hundert Jahre. Viele Möglichkeiten eines „Baustopps“ kamen in Frage, zum Beispiel die langen Jahre der Pest oder Kriegszeiten.

Wie konnte ein solch großer hoher Bau stehen, wie passte alles zusammen?

Wer sich heutzutage den ein oder anderen großen Sandstein an unserer Christuskirche einmal näher anschaut, sieht sonderbare Linien und Zeichen in verschieden Größen. Sie sind annähernd 500 Jahre alt, oder älter – vom Vorgängerbau. Steinquader waren viel zu wertvoll und wurden auch beim Neubau wieder verwendet.

Steinmetzzeichen sind oft in 90 Grad gedrehter Position auffindbar, das heißt: Es können also alle vier Seiten eines geometrischen Zeichens den oberen Abschluss bilden.

Möglicherweise hatte ein Steinmetzzeichen durch den Urheber eine klare Ausrichtung erhalten. Es ist aber beim Einbau der Quader nur in äußerst seltenen Fällen auf die Ausrichtung des Zeichens geachtet worden. Hierfür waren mit Sicherheit die Maße des Werkstückes und deren Verwendung auf die zu errichtende Schicht ausschlaggebend.

Gleich aussehende Zeichen wie an unserer Kirche gibt es in Gelnhausen zwischen Frankfurt und Fulda, Trifels in Rheinland Pfalz, Birkenstein im Elsass, Gurk in Kärnten, auch in Thalberg in der Steiermark.

Die Arbeitsteilung von Anfertigung und Versetzen (errichten, aufschichten der Steinquader) eines Werkstückes ist hierbei zu berücksichtigen. Danach kann nur in den wenigsten Fällen der Steinmetz bei der Anfertigung seines Zeichens vom späteren Einbau und der Ausrichtung des Werkstücks gewusst haben. Die Vorkommen am Bau bestätigen diese Regel.

 

Anette Bucken

Christuskirche: Funzelnische „O schaurig ist´s durchs Moor zu gehen“

Früher war es in Ibbenbüren auch schaurig, nirgendwo strahlte ein Licht aus einem Fenster. Wie dem Knaben im Moor ging es bestimmt vielen Bürgern in der Stadt. Vor über 200 Jahren hatte Ibbenbüren 1500 Einwohner, keine befestigte Straße und schon gar keine Beleuchtung. Auch im Haus brannten nur Öl- und Tranfunzeln oder Talglichter, die selbst hergestellt wurden.

Die Kirche war der Mittelpunkt, drum herum war der Kirchhof. Er diente nicht nur als Begräbnisstätte, sondern war wichtiger sozialer Mittelpunkt der Gesellschaft. Ein Friedhof war manchmal Weide, Warenlager, Versammlungsort und Handelsplatz zugleich, er gehörte zum täglichen Leben dazu. Das Gräberfeld reichte von „Ledigs Anna“ bis zur „Kneipe am Kirchplatz“, und von der Kanalstraße, früher Kützelbach bis zum Planebach, der heutigen Brunnenstraße.

Die Häuser entlang der jetzigen Marktstraße waren vor mehr als 200 Jahren noch nicht da, die Plane floss am Friedhof entlang.

Zitat aus „Anton Rosen – Ibbenbüren von der Vorzeit bis zur Gegenwart“, Text aus einer Akte von 1616, die das erste Bürgerschützenfest beschreibt: „Auf dem Marktplatz, oberhalb des Kirchhofes versammelte sich die Gemeinde … An der gefährlichen Stelle, da, wo die Kirchhofsmauer nahe an die rauschende Plane heranrückte, beleuchtete die Kirchhofslaterne, die in der Nische am mittleren Pfeiler der Apsis angebracht war, den Weg“. Diese Tranfunzel wurde vom Pfarramt mit Walfischtran oder Rüböl versorgt. Sie war die einzige Lichtquelle in der ganzen Stadt, nah am Friedhof, dem heutigen Kirch-Parkplatz.

Die lange Torgasse über den Fluss, die zum Pastorat an der Klosterstraße führte, war abends kaum zu erkennen. Die Bürger hatten Angst, über den schmalen Weg zu gehen.

Wie war das mit dem Walfischtran? Wo und wann wurden Wale gefangen? Wie kam Walfischtran nach Ibbenbüren? Und Rüböl, was ist das? Später mehr dazu.

Wale wurden vor Grönland im Eismeer gefangen, die Kaufleute, die Walfängerschiffe ausrüsteten, kamen aus den skandinavischen Ländern, Russland, Holland, Frankreich, Hamburg und Bremen. Bis Mitte 1700 wurde wegen Tran, Fleisch, Speck, Fischbein und Walfischzungen Jagd auf Wale im großen Stil gemacht. Die Zungen kamen im Mittelalter als Leckerei auf die Tafel der Oberen.

Die Walfischfänger verarbeiteten den mit Harpunen erlegten Wal unterwegs direkt am Segelschiff und an den kräftigen kleinen Ruderbooten. Mit einem um die Schwanzflosse gewickeltem Seil wurde er rückwärts abgeschleppt. Die Stiefel der Walfischfänger waren mit langen Stacheln besteckt, damit sie beim Schneiden der Speckmassen festen Halt auf der glatten Haut hatten. Den Speck schnitten sie in eckige Stücke und schlugen ihn in Fässern. Dann wurde der Wal am Masten hochgezogen und ausgeweidet, entbeint, fast alles war verwendbar! Die Knochen lagerten im Schiff auf den Speckfässern. Die Reste wurden gleich auf dem Meer entsorgt, zur Freude der „weißen Bären“ und der Seevögel.

In den Transiedereien in Bremen, Hamburg oder Emden wurde das Fett durch langes Kochen in großen Siedepfannen ausgelassen und mehrmals gesiebt und gefiltert. Eine Pfanne fasste mehrere Fässer Walfischspeck. Abgefüllt in verschieden großen Fässern, mit etwas Bodenwasser zur Konservierung und erkaltet stand es bereit für den Handel. Bei der Qualitätsprüfung musste der Kontrolleur acht geben, dass er nicht aus dem unteren Teil des Fasses eine Probe des Trans nahm: Fett schwimmt oben.

Es ist anzunehmen, dass der Tran mit Pferd und Wagen nach Ibbenbüren geliefert wurde. Bevor es Eisenbahn, Telefon und Automobil gab, hatte Mohrmann schon lange Jahre ein Handelsunternehmen. Neben Kolonialwaren, wie Kaffee, Tee und Kakao gab es bei Mohrmanns natürlich auch Walfischtran zu kaufen.

In Ledergerbereien, zum Schmieren von Schiffsrümpfen und Wagen, zum Lampenbrennen, Seifensieden, Einfetten von Riemen und Stiefel gebrauchte man Fischfett. Nur der beste gelbweiße Tran kam in die Stubenfunzel, den dunklen bräunlichen Tran verwand man besser nur im Stall oder draußen, er roch nicht so gut und qualmte auch.

Die Tranfunzel, später Öllampe schimmerte auf den Friedhofsweg. Noch heute kann man die zugemauerte Nische am mittleren Pfeiler des Chores gut sehen. Auch an der Stadtkirche in Westerkappeln wurde zum gleichen Zweck eine Vertiefung für eine spärliche Beleuchtung am Friedhof in den Stützpfeiler der Kirchenmauer eingelassen. Hier ist die Nische offen und man kann sich gut vorstellen, wie der Kirchendiener gegen Abend auf die Leiter klettert und die Funzel ansteckt.

Rüböl, Rübsenöl oder Rapsöl wurde ursprünglich nicht in der Ernährung verwendet wegen des hohen „Erucasäure“-Gehaltes. Als Lampenöl, Schmierstoff oder Seifengrundlage war es aber gut zu gebrauchen. In den 1960er und 70er Jahren kamen neue Raps-Züchtungen auf den Markt – mit kleinem Säuregehalt. Heute wird auch Biokraftstoff aus Rapsöl hergestellt.

Steckrüben und Raps sind weitläufig verwandt.

Anette Bucken

Ursprünge der Christuskirche/Christusplatz (Annette Bucken)

Aus einer Urkunde von 1348 geht hervor, dass die Kirche von Ibbenbüren um 799 von Karl dem Großen gegründet, mit dem Pfarrhof ausgestattet und von Papst Leo geweiht ist. Wahrscheinlich war der erste Kirchenbau aus Holz.

1492 vermerkte der Pfarrer Grest, dass das alte Kirchengebäude in baulich schlechtem Zustand war und weil man einen Einsturz befürchtete, wurde dass Gotteshaus abgerissen.

Erst 1523 wurde der Grundstein der heutigen Christuskirche gelegt, wie auf der Tafel unter der Sonnenuhr an der Südseite zu lesen ist. Nach zehn Jahren Bauzeit war die neue Kirche fertig. Der Vorgängerbau war kleiner, und er lag etwas nördlicher, also weiter zum Kirchplatz hin, wo heute noch uralte Grundmauern unter den Pflastersteinen zu finden sind.

Warum wurde die Kirche auf einer Erhöhung gebaut…

Die Christen sind näher bei Gott, das Gotteshaus in dem kleinen Ibbenbürener Dorf ist von allen Punkten und von jedermann gut sichtbar. Die beiden Flüsse haben im Laufe der Zeit Täler gegraben. Außerdem floss das Wasser auf der Anhöhe gut ab.

Ein Platz wurde zuerst frei geräumt und dann der Grundriss ausgelegt. Nach der Untersuchung des Bodens konnte mit dem Bau begonnen werden. Auf dem gesamten Bauplatz wurden Eichenpfähle eingeschlagen um zu prüfen, wie dicht der Boden ist. Unterschiedliche Belastungen führen auch zu unterschiedlichem Setzverhalten.

Zur Zeit der Erbauung der Kirche, 1523, floss die Plane als reißender Bach am Friedhof entlang. Die ehemalige Friedhofstraße war ein zwei Meter breiter Fußweg, der in das abschüssige Gelände eingetreten war.

Aus einem Text bei Anton Rosen ist zu entnehmen, dass Unmengen von zerschlagenen Findlingen und großen Sandsteinbrocken als Fundament eingebracht wurden. Außerdem war die Packlage in eine Tonschicht eingebettet. Diese Tonschicht war sicher entscheidend für das Abhalten von Feuchtigkeit und Nässe im Fundament durch den Planefluss.

So begann 1523 der Bau der jetzigen Kirche.

Die Plane versiegte, als der Oeynhausen-Schacht durch ein Unglück im Jahre 1894 abgesoffen war. Das abgepumpte Schachtwasser floss früher entlang der heutigen Osnabrücker Straße, speiste unten im Tal den Teich von Welps Schliepmühlken, floss dann mit hoher Geschwindigkeit durch das Bett der Plane in die Aa.

Die Grundmauern der späteren neuen Häuser stabilisierten das Gelände zusätzlich.

Die Gebäude an der heutigen Marktstraße entstanden erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, also um 1810. Bei den Ausschachtungsarbeiten an der Marktstraße stieß man auf einige nach unten angespitzte dicke Eichenpfähle.

Warum Friedhof drum herum?

Im Christentum des Mittelalters wurden Verstorbene in oder an der Kirche begraben, je nach Rang und Namen. Auch in Ibbenbüren fand man Gräber unter dem Fußboden in der Kirche. Der Kirchhof lag in der gesellschaftlichen Mitte. Nur Bettler, Spieler oder Verstorbene, die einen niedrigen Stand hatten  –Abdecker, Leichengräber…- wurden außerhalb der Kirchenmauern beerdigt.

Annette Bucken

Christuskirche (Reinhard Lohmeyer)

Die Christuskirche auf dem Kirchplatz (Reinhard Lohmeyer)

Selbstverständlich wirken Kirchplatz und Kirche wie eine Einheit. Sie verbinden die beiden zentralen Plätze der Innenstadt, den Oberen und den Unteren Markt, und erscheinen als das historische Kernstück Ibbenbürens. Der Kirchplatz bietet mitten in der Geschäftigkeit des Lebens in der Innenstadt Raum für Ruhe und Konzentration. Er präsentiert die Kirche als Mittelpunkt städtischen Lebens in Ibbenbüren.

Seit Jahrhunderten ist die heutige Christuskirche unverkennbar das Wahrzeichen der Stadt. Ihre Kirchweihe vor über rund 1000 Jahren ist der Ursprung für die noch heute am ersten Wochenende im September gefeierte Innenstadtkirmes in Ibbenbüren.

Allerdings sah die Kirche von außen und auch der Kirchplatz nicht immer so aus wie sie sich heute dem Betrachter darstellen. Im Zusammenhang der letzten größeren Umgestaltung der Christuskirche 2012-2013 haben die Archäologen drei große und diverse kleinere Bauphasen rekonstruieren können.

1523-1535  ist die Ibbenbürener Kirche auf die heutige Gestalt vergrößert worden. Seitdem hat sie insgesamt mindestens 11 größere Umgestaltungen erfahren. Die Gründe dafür lagen in der Gemeindeentwicklung, in der liturgischen Erfordernis oder in äußeren Anlässen. 1902 wurden sogar der Altar und der Taufstein vollständig erneuert, weil der Kaiser nach Ibbenbüren kam, um das 200ste Jubiläum der Zugehörigkeit Ibbenbürens zu Preußen zu feiern.

Eine Kirche ist zu keiner Zeit als Museum konzipiert worden. Ursprünglich diente sie als gemeindlicher Versammlungsort der Kommunikation des Evangeliums, um den Glauben zu stärken und die Seele zu heilen.

Deshalb unterwirft sich Kirchenarchitektur funktionalen Erfordernissen und theologischen Konzepten, die Ausdruck des Glaubens sind. So ist eine Kirche selbst in ihrer äußeren Gestalt Mittel der Verkündigung. Das Gebäude „predigt“. Von außen wie von innen. Nach außen weist sie mit ihrem Turm in den Himmel. Sie orientiert Menschen auch von weiter her. Im Inneren bietet sie Geborgenheit und Schutz und ermöglicht es den im Alltag gefangenen Menschen, zur Ruhe und zur Besinnung zu kommen. Als Baukörper stand die heutige Christuskirche ursprünglich mitten in einem Gräberfeld, das später zum Kirchplatz umgewandelt worden ist. Sie ist sowohl von außen als auch von innen als Auferstehungskirche gedacht und architektonisch entwickelt worden. Ausdruck des Auferstehungsglaubens mitten in der vom Tod gezeichneten Welt- und Lebenswirklichkeit.

Die im Jahr 2012 während der Neugestaltungsmaßnahmen in der Kirche tätigen Archäologen haben durch Aufspüren ursprünglicher Fundamente sichtbar gemacht, dass ein erster erkennbarer Baukörper (Bauphase Ia) lediglich ca. 16m lang und vielleicht 8m breit gewesen ist. Altarfundamente, Grundmauern der Apsis und Fundamente eines vielleicht ursprünglichen Turms (Ib) im Westbereich zeugen davon.  Dieser erste vielleicht romanische Bau (auch eine Holzkonstruktion ist denkbar) auf einem steinernen Fundament wurde ins 9./10. Jahrhundert datiert. Er wurde auf der kleinen Anhöhe oberhalb des Unteren Marktes platziert, - ein Ort, der zuvor womöglich schon als Kultstätte in Funktion war - umgeben von den heute nicht mehr sichtbaren Bachläufen im Bereich der Kanalstraße und der Marktstraße. Bauphasen

Eine weitere spätromanische Entwicklung ist durch die Freilegung der steinernen Grundmauern im Süden und Norden wie auch im Osten ins 12./13. Jahrhundert (Bauphase II Turm – Bauphase III Apsis und Gewölbesaal) datiert worden. Die Grundmauern der Apsis kann man noch heute im Chorraum bewundern: Die heutigen Stufen folgen der alten Linie. Diese Kirche war so lang wie das heutige Mittelschiff und so breit wie die äußere Säulenlinie. Eine Einkerbung an der Westwand des südlichen Seitenschiffs zeigt die Linie des Kirchenschiffs jener Zeit.

Die dritte Phase (Bauphase IV - Turm und V - Kirchenschiff) zeigt die heutigen Ausmaße.

Die spätgotische Hallenkirche mit den acht Säulen und dem Turm ist 1523-1535 erbaut worden. Mitten in der Bauphase vollzog Graf Konrad 1527 durch Heirat einen Konfessionswechsel. Tecklenburg wurde evangelisch. Bei der Erweiterung sind die Grabfunde im Bereich der Seitenschiffe sorgsam wieder eingebettet worden. Die äußerst massiven Fundamente im Osten zeigen, dass die Kirche bis an den äußerst möglichen Punkt zum Bachlauf gebaut und aufgrund starken Gefälles gesichert werden musste. Sie erscheint gegen die Marktstraße abgeschnitten, ein Eindruck, der durch die Verbreiterung der Marktstraße in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts weiter zugespitzt erschien. Im Innenraum wurde der Zahl „Acht“ besondere Bedeutung beigemessen. In frühchristlicher Zeit stand die Zahl für den 8.Tag der Schöpfung, den Eintritt in ein neues Sein in Christus, der durch die Taufe markiert ist. Der Kirchraum wurde als Auferstehungsraum konzipiert: Festsaal der Anwesenheit Gottes. Ausdruck des Glaubens mitten auf dem Gräberfeld des Ortes. Dem spätgotischen Grundgedanken entsprechend wurde auf Höhe und Weite und Licht Wert gelegt.

 

Die letzte von drei nachweisbaren Turmgestalten war aus den beiden unteren Stockwerken des Turmes gebildet. Darüber richtete sich ein langgezogener Turmhelm auf. Vor dem Stadtbrande 1846)

 

 

Erst nach dem Stadtbrand von 1846 wurden die beiden weiteren Stockwerke mit der Balustrade und dem heute das Stadtbild prägenden Turmhelm aufgesetzt. Die heutigen vier Glocken sind am Reformationstag 1949 in den Dienst genommen worden. Als Auferstehungsglocke, Trauglocke, Betglocke und Taufglocke akzentuieren sie zu bestimmten Zeiten verschiedene Inhalte der einen Botschaft von Jesus Christus.

 

 

An der Rückseite der Kirche zum Norden hin - die ursprüngliche Vorderseite der Kirche mit dem Haupteingang zum Süden zeigte auf den Unteren Markt - wurde im Zuge der Umgestaltung 2011-2013 ein modernes Eingangsportal errichtet, das die Kirche als offene und einladende Kirche zeigt. Es sind transparente Materialien gewählt worden, um den historischen Bau vom modernen Portal abzusetzen und weiterhin sichtbar zu erhalten. Das hochwertig ausgestattete Eingangsportal ist Foyer, Informations- und Begegnungsbereich, außerdem sind eine Teeküche, ein Abstellbereich für Chorpodeste, Instrumente und Bestuhlung sowie eine Toilette untergebracht.

 

Als weitere Veränderungen im Außenbereich wäre die 1832 erfolgte Umgestaltung des zentralen Friedhofs in einen Kirchplatz zu erwähnen, der in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts mit der heute vertrauten „historisch“ wirkenden Pflasterung versehen worden ist. Ein Kriegerdenkmal aus dem Jahr 1872 ist im Jahr 2011 abgebaut worden.  Teile davon sind im Stadtmuseum zu besichtigen. Auf dem Südplatz sind noch Findlinge zu sehen, die den Fundamenten der Kirche des 12./13. Jahrhunderts entstammen. Interessant sind auch Grundsteintafel und Sonnenuhr an der Südseite der Kirche. Die Übersetzung des Textes auf der Grundsteintafel ist umstritten.

Im Inneren des Kirchraums muss man sich zunächst ein durchaus „chaotisches“ Anwachsen eines Gestühls (Skizze) vorstellen, das 1867 durch ein geordnetes Gestühl in Hörsaalordnung ersetzt wurde. In diesem Zusammenhang wurde die Kanzel von der zweiten Säule im Südbereich an die erste Säule versetzt. Dem Gestühl wurde Anfang der 50er Jahre ein Mittelgang zugefügt, den es vorher nicht gab.  1968 wurde es noch einmal grundlegend hinsichtlich Komfort und Kapazität verändert. 2013 ist es durch flexibel aufstellbares Gestühl ersetzt worden. 

Im Zuge des Wachstums der Gemeinde ist eine Empore erbaut und stetig erweitert worden. In den größten Ausmaßen erstreckte sie sich hufeisenförmig bis an die Ostwand der beiden Seitenschiffe. Diese Ausweitung der Empore wurde in den folgenden Jahrzehnten seit der 2. Hälfte des 19 Jahrhunderts jedoch wieder rückgängig gemacht. Das letzte Stück, die Westempore mit der Orgel, wurde 1968 entfernt, um mehr Weite und Licht in den Kirchraum zu bringen. Im Laufe der Jahrhunderte haben verschiedene Orgeln den Raum mit Klang erfüllt. Die heutige Orgel ist 1972 an die Westwand des nördlichen Seitenschiffes aufgebaut worden.

Die 1968 begonnene ideelle Linie, dem Raum das Licht und die Weite zurückzugeben, wurde bei der letzten Umgestaltung 2011-2013 fortgesetzt. Das Architekturbüro SOAN aus Bochum hat den spätmittelalterlichen Kirchraum in seinen ursprünglichen Dimensionen wieder erlebbar gemacht. Durch das Entfernen des dunklen und mächtigen Gestühls wurde der Raum wieder hoch und licht und weit, wie er ursprünglich aus dem gotischen Grundgedanken entwickelt war. Vier der acht Säulen stehen wieder wie im Anfang frei im Raum und tragen das Gewölbe. Im Turmraum wurde ein Raum der Stille eingerichtet, der die besondere Atmosphäre des ältesten Raumes der Stadt auf besondere Weise erlebbar macht. Die im evangelischen Verständnis sakramentalen Orte der Taufe und des Abendmahls, Taufstein und Altar,werden durch steinerne Lichtpunkte aus weißem Marmor in den Mittelpunkten des westlichen und östlichen Jochs markiert. Sie bilden mit dem Christusleuchter im Raum der Stille im Westen und dem Lichtkreuz im Chorraum im Osten, das der armenischer Künstler Albert Vardanyan nach Entwürfen des Architekten gefertigt hat, die „Christusachse“. Diese lädt den Kirchraumbesucher zu einem spirituellen Weg des Glaubens ein.

Die Gemeinde kann den Raum aufgrund des freien Gestühls für Konzerte und Gottesdienste sehr flexibel gestalten. So dient sie heute einem lebendigen Gemeindeleben mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Gottesdienstformen, Konzerten und kulturellen Veranstaltungen aller Art. Begeisterte Besucher empfinden die Christuskirche heute als den schönsten Raum der Stadt. Tradition und Moderne gehen eine spannende und anregende Synthese ein.

 

 

Reinhard Lohmeyer