„Wenn einer eine Reise tut...“

Vor kurzem machten Otti und Berta eine Reise nach Süddeutschland. Sie fuhren mit der Bahn von Ibbenbüren zu ihrer Freundin Gisela nach Wörth an der Isar. Erna konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht mit. Zum Trost schickten ihr Berta und Otti regelmäßig Reiseberichte.

„Hallo Erna,

Otti und ich hoffen, dass Deine Sommergrippe im Abklingen ist und es bei Dir wieder vorangeht. Du bist sicher neugierig, wie unsere Reise so verlaufen ist.

Fast möchte ich sagen, sei froh, dass das an Dir vorbeigegangen ist. Wenn man es auf der anderen Seite mit Humor nimmt, kommt man aus dem Lachen nicht mehr heraus. Die Anreise nach Wörth mit der Bahn war wie ein Stück aus einem Klamaukfilm!

Aber der Reihe nach.

In Hannover mussten wir umsteigen. Eigentlich kein Problem, Zeit dazu hatten wir genug. Nur, beide Aufzüge waren defekt. Da stand ich mit meinem Rollator. Die Rolltreppe wollte ich nicht nehmen, weil ich Angst hatte, unten beim Auftreffen den Absprung nicht zu schaffen. Otti nahm mir den Rollator ab, und ich hangelte mich am Handlauf Stufe für Stufe die Treppe hinunter. Mühsam, mühsam!

Unten wollte ich mir etwas zum Lesen oder Rätselraten kaufen. Otti war sich sicher, dass der Zeitungsstand in Richtung Ausgang zu finden war. Ja! War! Kurz vor dem Ausgang belehrte uns ein Hinweisschild eines Besseren. Neuer Standort! Nätürlich in der entgegengesetzten Richtung. Nun, wir hatten ja noch Zeit. Und ein bisschen Bewegung schadet auch nicht.

Der Zug nach München war noch nicht da. Auf dem gegenüberliegenden Gleis stand ein Zug, der auch nach München fuhr, d.h. er hätte schon lange weg sein müssen. Ein genervter Bahnbeamter gab kurz Auskunft, sprach von etwa zwei Stunden Verspätung, Polizeieinsatz, Aufräumungsarbeiten, es könnte dauern. Kurz danach hörten wir die offizielle Ankündigung der Verspätung über den Lautsprecher. Was tun?. Runtergehen und in einem der vielen Bistros etwas trinken? Aber was, wenn der Zug vielleicht eher käme? Wir blieben auf dem Bahnsteig. Glück im Unglück, der Betreiber eines mobilen Kaffeeausschanks kam zufällig vorbei und verkaufte uns einen Becher Kaffee.

Die Zeit musste überstanden werden, wir hatten eine Bank, ein wenig unbequem, weil hart, wir hatten Kaffee, etwas zu lesen. Und die Sonne schien. Es hätte ja auch noch regnen können.

Dann war unser Zug da, wir suchten und fanden die reservierten Plätze. Nur, einer war schon besetzt! Wir holten unseren Reservierungsschein, da stand es schwarz auf weiß, klar und eindeutig. Allerdings konnten die anderen Fahrgäste so einen Schein halt auch vorweisen! Totale Ratlosigkeit! Andere Fahrgäste stiegen ein, wollten an uns vorbei, wir standen im Weg, waren ein ziemliches Hindernis. Ein Herr mit zwei halbwüchsigen Kindern blieb stehen, vergrößerte das Hindernis, keiner kam mehr vorbei. Die drei taten das aber nicht aus Neugier, sondern weil sie reservierte  Plätze hatten, von denen einer schon zweimal vergeben war. Hier war also ein Platz gleich dreimal vergeben worden. Geht es noch verrückter? So etwas gibt es doch eigentlich nur in einem Klamaukfilm!

Irgendwann kam ein Schaffner dazu, ließ sich die Unterlagen zeigen, studierte sie genauestens. Ja, es handelte sich um diesen Tag, diesen Zug, diesen Platz. Die Angelegenheit ging eindeutig zu Lasten der Bahn. Er, der Schaffner, würde versuchen, Abhilfe zu schaffen, was ihm auch gelang.

Die Fahrt dauerte viel länger als vorgesehen, weil der Zug andere Strecken nehmen musste und sehr, sehr langsam fuhr. Mir fiel das ehemals geflügelte Wort von der Tecklenburger Waldeisenbahn ein: „Aussteigen und Blumenpflücken während der Fahrt verboten.“

Toilettengang! Gehen mit Rollator ging nicht! Der Gang im Großraumwagen war zu schmal oder der Rollator zu breit. Also, langsam, langsam!

Angekommen, Schild: Anlage defekt. Weiter, ebenso: Anlage defekt! Die dritte Toilette war, man staune, in Ordnung.

Aller guten Dinge sind drei, sagt man so! Das gilt auch für die schlechten. Aber wir hatte die Zahl längst überschritten. Aufzug, Zeitung, Verspätung, Platzreservierung, Toilette! Es waren schon fünf, und das sollte eigentlich reichen.

Letzter Umstieg in München, Zug stand da, Plätze waren frei. Nachfrage beim Schaffner, ob der Zug auch in Wörth hielte. Ja, ganz bestimmt. Wir saßen gut, saßen entspannt, jetzt konnte nichts mehr passieren. Denkste! Ansage: Probleme auf der Strecke! Es ist mit einer Verspätung von ca. zwanzig   Minuten zu rechnen. Eigentlich waren wir zu müde, um uns noch zu wundern.

Schließlich Wörth,Du kennst den kleinen Bahnhof mit den zwei Bahnsteigen. Nein, Du hättest ihn nicht wiedererkannt, er ist eine einzige Baustelle. Vom Bahnsteig zwei konnte man nicht auf direktem Wege zum Ausgang kommen. Man musste eine Treppe hochsteigen (ca. zwanzig Stufen), dann oben die beiden Bahnsteige überqueren,um über weitere zwanzig Stufen treppab zum normalen Ausgang zu kommen. Gut und schön! Aber mit einem Rollator? Und weit und breit kein Mensch, den man hätte fragen können. Gisela, unsere Freundin, kam uns auf dem schmalen unbefestigten Gehweg zu Fuß entgegen. Uns gegenseitig stützend, gingen wir etwa zehn Minuten. Dann verbreiterte sich der Gehweg.Trotz des ausgewiesenen Fahrverbotes holte Gisela das Auto heran. Wir waren doch inzwischen wirklich ein Notfall!

Gisela, ihre Gastfreundschaft, ihr Haus und vor allem ihr blühender Garten entschädigten uns für die Anstrengungen des Tages. Sie kredenzte uns eine herrliche Weinschorle mit frischen Früchten der Jahreszeit.

So konnten wir mit neuen Kräften durch den über und über blühenden Garten gehen. Diese Blütenpracht, diese Vielfalt, diese Farben kann man nicht beschreiben. Man muss sie sehen, sie genießen. Deshalb hier ein paar Fotos für Dich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Deine Berta und Otti“

Maria Beier

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