Weihnachten 1945

Ulrich Beck

Am 3. Mai 1945 war für mich nach vier Jahren als Soldat beim Bodenpersonal der Luftwaffe der Krieg endlich zu Ende. Ich hatte überlebt.

Noch zweieinhalb lange Jahre, erst in amerikanischer, später in englischer Kriegsgefangenschaft, sollten mir noch bevorstehen. Ich gehörte zu denen, die einen ehemaligen deutschen Fliegerhorst in der Nähe von Hannover für die Bedürfnisse der englischen Royal-Air-Force ausbauen mussten. Den Sommer und Herbst über schliefen wir auf Stroh in Zelten in einem Gefangenenlager außerhalb des englischen Flugplatzes.

Am 24.12. 1945 durften wir unsere Zelte abbrechen und Baracken innerhalb des Flugplatzgeländes beziehen. Endlich nun ein Dach über dem Kopf und ein Bett, eine Stube mit Ofen:

Das erste Weihnachtsgeschenk.
Es sollte aber noch besser kommen.

 

 

Am späten Nachmittag mussten wir vor unserer neuen Unterkunft antreten. Ein englischer Offizier eröffnete uns, dass die Bewohner der benachbarten Stadt Wunstorf uns für den Heiligen Abend in ihre Familien eingeladen hätten. Er möchte gerne, weil ja Weihnachten sei – zwar mit größten Bedenken – diesem Wunsch entsprechen. Wer von uns das Angebot annehmen wolle, solle stehen bleiben, die anderen könnten wegtreten. Fast alle blieben. Bald kamen Lastwagen, auf denen wie üblich Bänke montiert waren, und wir durften aufsitzen. Auf dem Marktplatz in Wunstorf erwartete uns mit „Hallo“ eine große Menschenmenge. Nach der Begrüßung durch den Bürgermeister begann die Aufteilung. Eine Frau wollte gleich drei von uns zu Gast haben. Also folgten wir ihr zu dritt in ihr Haus. Wie wir erfuhren, war ihr Mann im Krieg gefallen. Als Kriegerwitwe musste sie nun allein für drei heranwachsende Kinder sorgen.

Ein geschmückter Tannenbaum, allerdings ohne Lichter, die damals nicht zu haben waren, erwartete uns und ein liebevoll gedeckter Tisch.

Nach einer einfachen Mahlzeit – das wenige, was sie auf ihre Lebensmittelkarten erhalten hatten, teilten sie mit uns – gab es sogar eine Bescherung. Ich erhielt ein Päckchen mit zwei Taschentüchern.

Es wurde erzählt und „Stille Nacht“ gesungen. Um 22 Uhr mussten wir wieder auf dem Marktplatz antreten. Beim Abzählen fehlte niemand.

Dann eröffnete der englische Offizier uns und unseren Gastgebern, dass er dem spontanen Wunsch des Bürgermeisters nachgeben wolle und wir am Nachmittag des ersten Weihnachtstages noch einmal zu den Wunstorfern kommen dürften.Unsere Kriegerwitwe lud uns drei sofort wieder ein. Zum Abschluß des Heiligen Abends nutzte ich noch das Angebot, die Mitternachtsmesse in der Roman-Catholic-Chapel des Flugplatzes zu besuchen. Der katholische englische Militärpfarrer hatte uns deutsche Kriegsgefangene eingeladen, mit den englischen Soldaten in diesem Gottesdienst gemeinsam Weihnachten als Fest des Friedens und der Versöhnung zu feiern. Am Weihnachtsmorgen überlegten wir drei, was wir unseren Gastgebern schenken könnten.

Unsere Idee: eine Lichterkette für den Tannenbaum!

Aus den bei unserer Unterkunft herumstehenden deutschen Flugzeugwracks baute ich die Instrumentenlämpchen aus, lötete mit Genehmigung des englischen Werkstattleiters 20 davon in Reihe zu einer Lichterkette von wohl fünf Meter  Länge zusammen und versah sie mit einem Stecker für die Steckdose.

Die Freude bei unserer Familie am Nachmittag war groß. In weihnachtlichem Lichterglanz saßen wir beisammen. Ein selbstgebackener Kuchen stand auf dem Tisch. Dazu gab es sogar richtigen Bohnenkaffee, den die ältere Tochter, die im Offizierskasino bei den Engländern als Bedienung dienstverpflichtet war, zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte.

Weihnachten 1945 ----

 

Ulrich Beck

 

Ulrich Beck, geboren 1921 in Berlin, lebte von 1956 bis zu seinem Tode 2009 in Ibbenbüren.
Als Pädagoge / Lehrer / Schulleiter hat er vieles angestoßen und war am Aufbau verschiedener schulischer Einrichtungen in Ibbenbüren maßgeblich beteiligt.
1956 übernahm er den Aufbau und die Leitung der neugegründeten Johannes-Bosco-Schule in Langewiese.
Mit der Schulreform 1968 ergab sich ein Wechsel zum Dickenberg zur neugegründeten Paul-Gerhardt-Hauptschule. Wieder war Aufbauarbeit gefragt.
1969 noch einmal eine Veränderung: In Ibbenbüren wurde ein Seminar zur Ausbildung von jungen Lehrern eingerichtet. Aufbau und Leitung: Ulrich Beck.
Nach der Versetzung in den Ruhestand 1984 blieben ihm viele ehrenamtliche Tätigkeiten in sozialen und kirchlichen Einrichtungen: z. .B. Mitarbeit im Seniorenbeirat, im Pfarrgemeinderat, in der Familienbildungsstätte, im Verband 'Bildung und Erziehung'.
Die letzten Jahre verbrachte Ulrich Beck im Seniorenheim in Püsselbüren, hier sorgte er dafür, dass das Heim einen für alle zugänglichen Internetanschluss bekam.

 

 Bildquelle: alt.heiligkreuz.info/gemeinde/_upload/2829.jpg

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