Turne bis zur Urne?

Marie musste lachen, als sie den so betitelten Artikel Professor Grönemeyers las.Turne bis zur Urne, so ein Quatsch, dachte sie, was hat der Mensch davon, wenn er in der Urne liegt und am Tag zuvor noch geturnt hat?

Doch dieser Satz ließ sie nicht recht los. Vielleicht war auch ein wenig schlechtes Gewissen dabei, denn seit Beginn der Ferien hatte sie ihre fünf Tibeter nicht gemacht. Es fehlte ihr morgens wirklich an Zeit, nee, stimmt nicht, sie hatte einfach keine Lust, wenn sie ehrlich war.

Und überhaupt, jeden Morgen diese Übungen, schließlich war sie nun 75 Jahre alt,  betreute immer noch drei Theater- Projekte, und machte auch sonst noch allerlei.  Da stand es ihr ja wohl zu, sich in den Ferien auszuruhen. Als Marie des Abends die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer ging, schmerzten irgendwie die Beine, sodass sie Stufe für Stufe mühsam erklomm, indem sie zuerst den einen Fuß hochzog,  und dann den zweiten nachzog und neben den ersten stellte.  Angst machte sich in ihr breit, gerade mal ein Jahr lebte sie in der neuen Wohnung und kam bald nicht mehr die Treppe hinauf? Und da war er wieder, der Satz „Turne bis zur Urne“, also gut, ab morgen sind die fünf Tibeter dran. Am nächsten Morgen ging es den Beinen wieder gut, Marie sprang fröhlich die Treppe hinunter, sie hatte ja soo viel vor. Freundin  Gerdi wollte kommen, es mussten noch Fenster geputzt und Bettwäsche gebügelt werden, der Plan für gemeinsame Unternehmungen war noch nicht fertig, einkaufen musste sie auch noch und so blieb natürlich keine Zeit für Übungen.

Abends das gleiche Spiel wir tags zuvor, die Treppe wurde regelrecht zur Prüfung, und obwohl es Maries Beinen am nächsten Morgen wieder richtig gut ging,  wurden dennoch die fünf Tibeter gemacht. Danach fühlte sie sich pudelwohl und des Abends kam sie mühelos die Treppe hinauf. Und danach? Jeden Morgen wird nun geturnt, jawoll, und sie kann  nur allen Altersgenossen empfehlen „turne bis zur Urne“  dann klappts auch mit den Treppen.

Jutta Lorenz

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