Tecklenburger Nordbahn

Anekdoten zur Tecklenburger Nordbahn

Ibbenbüren. Rainer Seidl – ehemals Lehrer an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Recke erinnert sich in kleinen Anekdoten an verschiedene Reisen mit der Tecklenburger Nordbahn zurück.

Greifvogel in Sicht

„Während meines Pädagogikstudiums in Wuppertal und Hamburg nutzte ich kurze Ferien und Feiertage, um in Kursen der Biologischen Station am Heiligen Meer meine Biologiekenntnisse zu vervollständigen und kleine Aufgaben zur Pflanzenkartierung zu übernehmen. Bis Rheine fuhr ich mit der Bundesbahn, von dort aus war ich auf die Tecklenburger Nordbahn angewiesen, die mich bis zum Haltepunkt „Zumwalde“ am Rande des damals noch selbstständigen Ortes Steinbeck mitnahm. Der alte dunkelrote Schienenbus brachte die Menschen morgens nach Rheine und Osnabrück zur Arbeit, fuhr jeweils leer zurück und holte sie abends gegen 18 Uhr wieder ab.

Es mag in den Osterferien 1966 gewesen sein, als ich am Freitagabend noch bis Rheine kam. Da ich die Nordbahn nicht mehr erreicht hatte, musste ich in der dortigen Jugendherberge übernachten. So nahm ich den Schienenbus am Samstagmorgen, der gegen neun Uhr mit mir als einzigem Fahrgast zurückfuhr. Der Fahrer, neben dem ich vorne saß, vermutete, dass ich von „Zumwalde“ aus doch sicher zum Heiligen Meer wolle und zeigte sich interessiert, was man da so forschen könnte. Ich erzählte ihm, dass ich mich für einen Ornithologiekurs angemeldet hatte, also das Bestimmen von Vögeln erlernen wollte. Eine Weile schwiegen wir, der Wagen rumpelte über die Schienen.

Wir mochten vielleicht in der Gegend von Dreierwalde sein, als der Fahrer plötzlich hart in die Bremsen stieg, so dass das schwere Fahrzeug auf freier Strecke zum Stehen kam. „Was ist denn das für ein großer Vogel?“, rief er und zeigte aufgeregt auf einen mächtigen braunen Vogel, der neben der Strecke auf einem Zaunpfahl saß. Es war ein stattlicher Mäusebussard. Danach fuhr er wieder an und brachte mich sicher nach „Zumwalde“.

„Wo ist Otto“

An einem herbstlichen Freitagabend vermutlich im Jahre1967 erreichte ich mit der Bundesbahn - aus meiner Heimatstadt Wuppertal kommend - den Bahnhof in Rheine. Mit etwas Glück und großer Eile hoffte ich, die Tecklenburger Nordbahn noch zu erreichen und hetzte mit meinem Koffer den Bahnsteig entlang, denn der Haltepunkt des Schienenbusses lag etwas außerhalb des eigentlichen Bahnhofes.

Dort stand das Fahrzeug in der einsetzenden Dunkelheit, ziemlich voll besetzt. Ich stieg ein. Obwohl die pünktliche Abfahrtszeit beträchtlich überschritten war, sah ich den Fahrer nicht, was aber außer mir niemanden zu beunruhigen schien. Nachdem einige Zeit verstrichen war, schwang sich der Fahrer in den Wagen, schaute sich prüfend alle Fahrgäste an und stellte fest: „ Ist Otto immer noch nicht da? Dann warten wir noch!“. Stieg wieder aus und verschwand in seiner Betriebsbaracke.

Das wiederholte sich etwa alle zehn Minuten. Dann nach einer halben Stunde kam „Otto“ angehechelt. Der Fahrer wurde geholt. Es waren alle Fahrgäste, die er morgens gebracht hatte wieder vollständig. Der Schienenbus konnte abfahren.

Autobus statt Schienenbus

Wieder einmal hatte ich einen naturkundlichen Kursus in der Biologischen Station am Heiligen Meer beendet und war aber abends nicht mehr rechtzeitig fortgekommen. So stand ich frühmorgens mit meinem Koffer fröstelnd am Haltepunkt „Zumwalde“ und wartete auf den Schienenbus der Tecklenburger Nordbahn.

Die Zeit verrann, die fahrplanmäßige Abfahrt war längst verstrichen, und ich wurde zusehends unruhiger.

Da hielt, von mir erst unbemerkt, ein dunkelroter Linienbus vor der Gaststätte „Zumwalde“, und der Fahrer gestikulierte in meine Richtung. Es dauerte einen Moment, bis ich mich angesprochen fühle. Da aber außer mir niemand da war, kam ich samt Koffer zu ihm hinüber. „Der alte Diesel vom Schienenbus ist heute Morgen nicht angesprungen“, erklärte er mir freundlich, „wir nehmen heute den Autobus“.

So fuhr er in Richtung Rheine einen Haltepunkt nach dem anderen an und suchte seine Fahrgäste. Standen sie wegen der inzwischen natürlich beträchtlichen Verspätung nicht am Gleis, bog er ab in die Bauerschaften und holte sie einzeln. Er kannte offensichtlich nicht nur jeden persönlich, sondern wusste auch genau, wo seine Fahrgäste wohnten. Meinen Zug in Rheine erwischte ich natürlich nicht mehr, aber den übernächsten.“

Rainer Seidl

 

Bildurheber: Eisenbahn-Tradition eV - Sammlung ET-

Qulle: Eisenbahn-Tradition e.V.

 

 

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