Matthias Brandt: Raumpatrouille / Geschichten

Blick eines Erwachsenen zurück in seine Kindheit.

Matthias Brandt, jüngster Sohn von Ruth und Willy Brandt, erzählt von der Zeit, als sein Vater Regierender Bürgermeister von Berlin und später Bundeskanzler in Bonn war. Es ist eine besondere Art des Zurückblickens, keine Chronologie, keine Schönfärberei, keine Vorwürfe.

Es sind Bruchsteine, die nicht unbedingt immer ein geschlossenes Bild ergeben. Sie lassen das eine oder andere erahnen. Deutlich wird die Sehnsucht des Kindes nach Nähe, nach festen, bergenden Strukturen, nach Gesprächen, um Ängste abzubauen, nach bedingungslosem Vertrauen, nach Gemeinschaft, nach Geborgenheit. Die Realität ist anders, da ist viel Alleinsein.

Elemente also, die in jeder Kindheit auftauchen. Und deshalb sind Erfahrungen übertragbar, deshalb ist das Buch lesenswert, auch wenn man ein wenig Zeit braucht, um mit der verhaltenen Art der Darstellung vertraut zu werden. Manches wird dahingestellt, braucht keine Erklärung und bringt doch Klarheit, weil man Realitäten einfach benennt.

Der Haushalt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin und des späteren Bundeskanzlers hat nicht viel Platz für ein Kind, den Nachkömmling. Die älteren Geschwister werden nie erwähnt. Vettern und Kusinen gibt es genug, aber die leben in Norwegen, man trifft sich in Urlaubszeiten.

Spielsachen sind genug da, das Bonanzafahrrad, der Kasten mit 50 Zaubertricks, die Astronautenmontur, die Torwartkluft, der überdimensional große Spielelefant. Was fehlt, sind Menschen, die Nähe geben, die miteinander und über sich sprechen.

Der Vater, das Bild ist mit Akten, Zigaretten, Sicherheitsbeamten verbunden; ja, und dass er dem Sohn manchmal gedankenverloren über den Kopf streicht. Von der Mutter erfährt er mehr Zuwendung, mehr Verständnis. Natürlich ist sie sehr in den Aufgabenbereich ihres Mannes eingebunden und hat ihre eigenen Probleme. „Ihre Heimreise begann mit der Autofahrt nach Kiel, von dort aus nahmen meine Mutter und ich die Fähre nach Oslo.“  Ihre Heimreise, ihre, sie fuhr heim, allein. Deutschland war wohl nie Heimat. Später hat sie über ihr Leben in Deutschland geschrieben, „Freundesland“ heißt das Buch. „Einmal hat sie mich gefragt,ob ich mir vorstellen könne, mit ihr dorthin zu ziehen, wir zwei, du und ich. Um ihr zu gefallen,sagte ich gegen mein Empfinden ja“.

Die Mitschüler. Wie gern würde er einer von ihnen sein. Da hilft es nicht, Sohn eines bekannten Vaters zu sein. Wäre er in seinem Fußballverein ein guter Torwart, ja dann! Aber das klappt nicht. Wie vieles andere auch nicht.

Um Gemeinschaft zu haben, verkauft er quasi seine Seele. Auf der einen Seite beteiligt er sich mit der Clique an den Quälereien an einem Mitschüler; am Nachmittag trifft er sich heimlich mit diesem zum Spielen.„In der Schule wurde Ansgar von mir weiterhin terrorisiert – einige Stunden später hingen wir dann allerdings wieder zusammen kopfunter am Klettergerüst.“ Da Quälereien, dort heimliches Treffen, dauernder Zwiespalt, ständiges Gefühl, zu versagen, feige zu sein.

Einer ist da, der voll und ganz hinter dem Kind steht, der Hund Gabor. Er ist Begleiter, Beschützer, ein wenig sogar Gesprächspartner. Er verteidigt den Jungen um jeden Preis vor Sicherheitsbeamten, Besuchern, zufällig auf der Straße Vorübergehenden. Einmal bleibt das Ohr eines anderen Hundes auf der Strecke.

„Als ich mittags aus der Schule kam, war der Hund tot. Seine Decke, die sonst auf halber Höhe des Flurs bei der Wohnzimmertür gelegen hatte, fehlte. Ich ahnte schon, was los war..... Warum hatte mir niemand etwas davon gesagt?“

Enttäuschungen passieren laufend. Besuch auf der Kirmes ist angesagt. Der Junge freut sich: Mit Vater und Mutter zur Kirmes wie die anderen auch. Schnell merkt er, dass er eingespannt wird in die Öffentlichkeitsarbeit des Vaters, Wahlen stehen vor der Tür. Besonders dem Vater kommt es darauf an, dass die Fotografen die „richtigen“ Bilder von ihm und der Familie schießen. Als der Junge den Wunsch hat, ein paar Lose zu ziehen, bekommt der Verkäufer einen großen Geldschein und der Junge darf alle Lose öffnen. Der Hauptgewinn liegt ganz unten. Ihn zu bekommen, macht jetzt keinen Spaß mehr. „Auf der Heimfahrt Schweigen.“

Das letzte Kapitel heißt: Was ist

Es ist ein versöhnliches Kapitel.Der Junge traut sich, seinen Vater in dessen Arbeitszimmer aufzusuchen.Er schleicht sich an, Mutter und Angestellte sind nicht im Haus. Er trifft den Vater, der am Schreibtisch eingeschlafen ist. Der wird plötzlich wach und fragt: „Hva er det?“ Es ist norwegisch und heißt: „Was ist?“.Der Junge erschrickt zunächst, fürchtet, gescholten zu werden. Nimmt allen Mut zusammen und sagt: „Kannst du mir vorlesen?“ Das tut der Vater, noch mehr, er nimmt den Jungen in den Arm, er liest, er fragt, sie sprechen miteinander. „Das alles wollte ich nicht loslassen, und während ich das dachte, schlief ich ein.“

Brandt, Matthias: Raumpatrouille
Kiepenheuer und Witsch

Maria Beier

Bildquelle: brandt-raumpatrouille.de/thumbs/brandt-raumpatrouille-lowres-4799c2160083df0bbc32a519705ab87b.jpg

Zurück