Marie ist absolut nicht abergläubisch

Als ihr Mann noch lebte, konnte Marie natürlich alle Entscheidungen, die sie treffen musste, mit ihm besprechen. Allerdings konnte es passieren, dass sie letztlich genau das Gegenteil von dem machte, was ihr Mann vorschlug. Das führte dann zu Diskussionen, in denen sie  immer wieder die Frage beantworten musste, weshalb sie ihn überhaupt gefragt habe.Für Marie war das ganz einfach, wenn sie hörte, dass ihr Partner so oder so entscheiden würde, wusste sie oft, dass sie es so nicht wollte. Bis zuletzt konnte oder wollte ihr sonst so verständnisvoller Mann das nicht verstehen. Wie auch immer, natürlich standen gerade nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes wichtige Entscheidungen an, die sie nun ohne seinen Rat treffen musste. So zum Beispiel ihr Umzug von Bielefeld nach Ibbenbüren. Und was machte Marie? Sie legte Patiencen und das gefiel ihr so gut, dass sie die Karten bis heute befragt.  Bevor sie beginnt, sagt sie sich, wenn die Karten aufgehen, mache ich dieses oder jenes, wenn nicht, lasse ich es.Ob das immer funktioniert? Nein, natürlich nicht, manchmal gehen die Karten nicht auf, und Marie tut dennoch das, was sie ursprünglich wollte. Oder aber, sie legt die Karten ein zweites Mal, es könnte ja sein, dass sie etwas falsch gemacht hat. Außerdem können sich  die Karten ja auch mal irren. Fakt ist jedenfalls, dass es ohne Karten nicht mehr geht. In letzter Zeit nun hat Marie beim Legen der Karten ein Phänomen entdeckt, das ihr früher nicht aufgefallen ist; die aufgedeckt hingelegten Karten scheinen einem Gesetz zu folgen. Ein Beispiel: die erste Karte einer Reihe wird aufgedeckt hingelegt, handelt es sich dabei um eine sieben, gleichgültig ob rot oder schwarz, folgen der ersten aufgedeckten automatisch Karten, die ebenfalls eine sieben tragen. Einer acht folgen achter usw. Marie findet das komisch und wettet jetzt zu Beginn mit sich selbst, welche Karte die Oberhand in diesem Spiel haben wird. Leider kann sie das nur manchmal voraus sagen, freut sich aber jedes Mal, wenn sich wieder ein „Gesetz der Serie“ vor ihr auftut.Noch etwas hat Marie nach dem Tode ihres Mannes  erstanden, ein Orakelbuch. Das ist vielleicht eine tolle Sache. Also, es gibt 100 Fragen, die man dem Orakel stellen kann. Und die Antworten erweisen sich später als richtig. (meistens) Als zum Beispiel neulich ihr Portemonnaie verschwunden war, stellte Marie Frage 86:  „Werde ich den Gegenstand wiederfinden, den ich verlor?“ Antwort: „Ja, man wird ihn Ihnen zurückbringen!“ Und was geschah?  Nein, niemand brachte die Geldbörse zurück, Marie fand sie nach Tagen im Auto, aber immerhin. Übrigens, als sie das ihrer erwachsenen Enkelin erzählte, fragte die ungläubig: „Oh nee, Omi, so einen Quatsch glaubst du?“ Nein, natürlich glaubt Marie so einen Quatsch nicht! Wenn sie allerdings ehrlich ist, muss sie zugeben, dass sie insgeheim schon davon überzeugt ist. Aber abergläubisch, nein, abergläubisch ist sie nun wirklich nicht !!!

Jutta Lorenz

 

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