Kaiser Napoleon und der Wiesenerskamp, die im Volksmund genannte „Wilhelmshöhe“ in Ibbenbüren

Nach der Schlacht von Sedan von 1870-1871 wurde Kaiser Napoleon III. gefangen genommen und auf Schloss Wilhelmshöhe bis zum 19. März 1871 unter Arrest gestellt. Als er nach Kassel gebracht wurde, rief man ihm den spöttischen Satz zu "Ab nach Kassel", woraus später die bekannte Redensart entstand. Aber was hat diese Geschichte mit der Wilhelmshöhe in Ibbenbüren zu tun? Dazu gibt es eine alte Geschichte aus der Zeitungsbeilage „Heimat und Leben“ der Ibbenbürener Volkszeitung von 1933:

 

 

 

Die Wilhelmshöhe bei Ibbenbüren

„Eine Gegend, nordwestlich oberhalb der Stadt, in der Nordfeldmark, am Abhange des Schafberges, wird im Volksmunde „Wilhelmshöhe“ genannt. Sehr alt ist diese Bezeichnung nicht, in der Karte sucht man sie noch vergebens, aber seit älterer Menschen Rückgedenken ist diese Bezeichnung für die betreffende Gegend schon gebräuchlich.

Für die meisten der alten Flur- und Ortsnamen ist Grund und Ursache ihres Entstehens unbekannt und nicht mehr zu ergründen. Welchen Umständen die Wilhelmshöhe bei Ibbenbüren ihre Benennung verdankt, ließ sich noch feststellen. Um es vorweg zu sagen, sie hängt zusammen mit dem Aufenthalt des Kaisers Napoleon auf der Wilhelmshöhe bei Kassel und mit einem armen Ibbenbürener Besenbinder. Dieser wohnte in einem alten Mietshause in der Westfeldmark und stand eines Tages unfreiwillig vor der unangenehmen und dringlichen Notwendigkeit, sich ein anderes Obdach suchen zu müssen. Nun befand sich, nicht fern von seiner bisherigen Behausung, am Berge an der Stelle, die jetzt als Wilhelmshöhe benannt wird, bei einem Steinbruch ein kleines, massives Gebäude, das als Schmiede benutzt worden war, wegen Stillegung des Steinbruchbetriebes aber außer Gebrauch war. Da hinein zog der obdachlose Besenbinder mit seiner Frau und seinem Hausrat und richtete sich, so gut wie möglich häuslich ein. Da damals der unfreiwillige Aufenthalt Napoleons auf der Wilhelmshöhe bei Kassel noch frisch im Gedächtnis war, sah man hier in Ibbenbüren, einen sozusagen analogen Fall und es hieß vergleichsweise, der Besenbinder befände sich auf der Wilhelmshöhe. Dieser scherzhafte Vergleich gefiel sehr, und die betreffende Höhe erhielt und behielt die Bezeichnung Wilhelmshöhe, die jetzt etwa ein gutes halbes Jahrhundert alt (seit ca. 1880) sein mag und wohl dauernd erhalten bleiben wird.

Andere, ältere Zeitgenossen bekunden, daß Anton Breulmann der gedachten Höhe den Namen Wilhelmshöhe gegeben habe.

Wie in Erfahrung zu bringen war, hat das Steinbruchgelände früher einem Unternehmer Lothmann zu Osnabrück gehört, der den Betrieb des Bruches zur Zeit des Eisenbahnbaus, also etwa 1856, eröffnete.  In der Mitte der 60er Jahre ging der Steinbruch in den Besitz von Krusemeyer aus Ibbenbüren über und von diesem erwarb ihn, nebst dem zugehörigen Gelände von ca. 5 bis 6 Morgen das Amt Ibbenbüren um 1875. In dem Steinbruch wurden besonders die früher viel gebrauchten Fußboden-Platten gewonnen und bearbeitet.

Das Amt ließ im letzten Jahrzehnt (um 1895) neben dem kleinen Bau der Schmiede ein längeres Gebäude mit 2 Eingängen von Steinen aus dem Bruch durch den Meister Hackmann errichten, das seitdem als Armenhaus und Unterkunft für obdachlose Familien und Einzelpersonen gedient hat. Um die Wohnungsnot zu steuern, ließ das Amt nach dem Krieg (um 1920) östlich der beiden älteren Gebäude 3 Wohnhäuser in Ziegelstein errichten und zwar ein größeres Gebäude, in dem jetzt 8 Familien Unterkunft finden und zwei kleinere Gebäude, in denen je vier Familien wohnen können. Von dem noch zur Verfügung stehenden Gelände hat das Amt Bauplätze verkauft, es sind darauf vier Wohnhäuser errichtet worden. Wenn auch die Bezeichnung Wilhelmshöhe kein bedeutungsvolles Ereignis zum Anlass hat, so ist sie doch ein gern gebrauchter Ausdruck, der sich unverwischbar in die heimischen Flur- oder Ortsnamen eingereiht hat“.

Eine Variante dieser Geschichte ist in dem 1980 erschienenen Buch

„Alt-Ibbenbüren“ von Hunsche-Holwitt veröffentlicht. Wenn man annehmen darf, daß die folgende Geschichte aus Erzählungen überliefert ist und der Name Wilhelmshöhe um 1885 entstanden ist, dann dürfte die Geschichte von 1933 der Wahrheit näher sein. Sie hat die Überschrift:

Woher kommt der Name Wilhelmshöhe?

„Wer nach Durchschreiten der Nordstraße die Bahn überquert und sich dem Schafberg zuwendet, trifft in halber Höhe auf „Wieseners Kamp". Der Volksmund hat dafür die Bezeichnung „Wilhelmshöhe". In dem Waldgebiet unterhielt ein Unternehmer aus Münster einen Steinbruch. Dieser wurde nach 1870 stillgelegt, als der Bahnbau Rheine - Osnabrück abgeschlossen war. In der mit dem Steinbruch verbundenen Schmiedewerkstatt, die nun unbenutzt war, logierte sich ein Obdachloser ein. Er sah Napoleon sehr ähnlich, der damals als Gefangener auf Schloß Wilhelmshöhe bei Kassel war. Der Einwohner der Schmiede führte bald den Spitznamen „Napoleon". Kein Wunder, daß dann das ganze Gelände „Wilhelmshöhe" genannt wurde. Die Schmiede stand lange leer und verkam allmählich. Dann diente sie Wohnzwecken. Vor dem Hause wuchs ein mächtiger Kastanienbaum, eine Zierde der ganzen Gegend. Der ehemalige Insasse ist längst vergessen; an ihn erinnert nur noch die volkstümliche Flurbenennung. Die amtlichen Karten kennen diese Bezeichnung nicht, für sie ist dieses Gelände der „Wieseners Kamp". Heute ist von dem Steinbruchgelände nichts mehr zu erkennen.

Der Wiesenerskamp ist eine Straße mit schönen und modernen Wohnhäusern am Waldrand geworden. Im Westen beginnt ein Wanderweg, der durch den Wald unterhalb der Zechenbahn zum Zumdiekskamp führt. Die Bewohner der Wilhelmshöhe holten früher ihr Wasser aus dem alten Steinbruch Lothmann. Dort war eine Quelle, genannt „dat Welleken“. Der Steinbruch ist schon lange verfüllt. Die alte Steinbruch-Schmiede aus grobem Bruchstein stand noch bis etwa 1960 dort, wo heute das Haus mit der Nummer fünf steht. Vor der Schmiede wuchs ein mächtiger Kastanienbaum, unter dem Baum war ein Ziehbrunnen. Früher hatten fast alle Schmieden eine oder zwei Kastanien vor dem Haus stehen, auch die Schmieden Goeke und Stockmann in Ibbenbüren. Unter der Kastanie war der Arbeitsplatz des Hufschmieds. Die Pferde standen kühl im Schatten und es gab dort nicht so viele Mücken, Wespen und andere Plagegeister.

Woher kommt der Name Wiesenerskamp?

Um 1938 wurden in Ibbenbüren die älteren Straßennamen durch Ratsbeschluß festgesetzt, dabei wurden die Gründe für die Benennung von Straßen leider meist in den Ratsprotokollen nicht festgehalten. Eine mögliche Deutung der Bezeichnung „Wiesenerskamp“ liefert das Buch „Vom ländlichen Kirchspiel zur modernen Stadt“ von Ernst Friedrich Hunsche:

„1767 hat der Untervogt Wiesener auf der später „Wilhelmshöhe“ genannten Gegend einen Kamp als Grundbesitz. 1788 heißt es über den „Bergchirurg" auf dem Bergwerk, daß er nicht nur um kranke und verletzte Menschen sich kümmerte; er schnitt auch Haare und rasierte Bärte. 1793 ist der Chirurg Wiesener als Arzt für die Bergleute tätig,er stirbt 1796“.

Die Straßenbezeichnung „Wiesenerskamp“ kommt vermutlich vom dort gelegenen Kamp des Untervogts Wiesener. In der Zeit des Kohlenmangels nach dem II. Weltkrieg entstand überall am Ausgehenden der Flöze des Schafbergs und des Dickenbergs aus der Not heraus so mancher Pütt, der nicht genehmigt war. Das Flöz Dickenberg liegt an der Wilhelmshöhe dicht unter der Oberfläche in etwa drei Meter Tiefe. Um nicht entdeckt zu werden, löste man im Haus ein paar Dielenbretter und legte einen Schacht an, einen sogenannten „Schwattpütt“

und verfolgte von da aus im Stollenabbau das etwa 40 cm dicke Flöz. Die Kohle wurde zur Eigenversorgung abgebaut und sie brannte gut im Herd. Es gab keinen Holz-Ausbau in den Stollen, sondern es wurden Sicherheitspfeiler mit Kohle stehengelassen, das sind große Bereiche, die nicht abgebaut wurden. Diese Art des Abbaus wurde „Fuchsbau“ genannt, weil er so verwinkelt war. Noch heute bilden sich manchmal kleine Löcher, sogenannte Pingen, weil ein alter Stollen nachgibt. Das genannte Flöz Dickenberg hat südlich der Siedlung Wiesenerskamp in „Wiethölters Busch“ sein Ausgehendes, das Flöz tritt also an die Erdoberfläche. Auf der ehemaligen Steinbruchsohle im westlichen Teil von Wiethölters Busch wurde 1944 von Albert und Josef Schüttken ein alter Kohlenstollen von 1923 wiederhergerichtet. Er stand im anstehenden festen Sandstein und ging nach Osten. Der Stollen benötigte im tragfähigen festen Sandstein keinen Ausbau. Er diente im Krieg als Luftschutzbunker und hatte ungefähr 25 m Länge, rechts und links waren Bänke im Stollen.

Während der Kohlenknappheit um 1946 kam es überall in Deutschland zum sogenannten „Kohlenklau“. Auch die Bewohner des Wiesenerskamp wußten sich zu helfen, um an das wertvolle Brennmaterial zu kommen. Einige mutige junge Männer sprangen in der Kurve an der Rohmannstraße auf die langsam fahrende Zechenbahn. Sie warfen in Höhe der Wilhelmshöhe Briketts und dicke Kohlenbrocken von den Waggons. Man mußte nur rechtzeitig abspringen, denn bald kam die Gefällestrecke an der Glücksburger Straße. Unterhalb vom Lebensmittelgeschäft Biekötter an der Nordstraße wurde um 1948 auf der Südseite der Zechenbahnstrecke ein Bahnsteig für die Bergleute gebaut, die in der Nähe der Zechenbahn wohnten. Dazu führte die Zechenbahn einen Waggon für Personenbeförderung im Kohlenzug mit. Um die Wohnungsnot in der Nachkriegszeit zu lindern, wurden für die vielen Vertriebenen, die Wohnungslosen und Ausgebombten um 1948 von der Stadt Ibbenbüren Unterkünfte errichtet. Die Bewohner bemühten sich, ihre Situation zu verbessern, indem sie Hausgärten zur Selbstversorgung anlegten und Kleinvieh hielten. Fast alle Erwerbsfähigen gingen einer geregelten Arbeit nach.

Die Kinder verlebten hier eine glückliche Kindheit, der Wald am Rande der kleinen Siedlung war ihr „Abenteuer-Spielplatz“. 1955 errichtete die Stadt im Wald hinter dem alten Armenhaus von 1895 zwei lange Gebäude aus Stein mit Satteldächern. In diesen Häusern befanden sich einfache Unterkünfte für sozial schwache Familien und Einzelpersonen. Schon 1982 wurden diese Gebäude wieder abgebrochen, nachdem die Stadt eine andere Lösung gefunden hatte, die Bewohner der beiden Häuser unterzubringen. Nach Abbruch dieser Häuser entstanden hier moderne Neubauten (Nr. 11-21). Heute ist von dem alten Gebäudebestand nichts mehr vorhanden.

Werner Suer

 

Zu den Fotos
Foto 1- Notwohnungen um 1955, Foto-Archiv Dreverhoff
Foto 2 - Der Wiesenerskamp ist heute eine ruhige Wohnsiedlung, Foto Suer 2009
Foto 3 - Stadtplan von 1954

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