„Junger Mann zum Mitreisen gesucht!“

Na, fällt Ihnen da was ein? „Junger Mann zum Mitreisen gesucht!“ Das stand in den 1950er und 1960er Jahren fast an jedem Karussell, ob Raupe, Kinderkarussell oder Autoselbstfahrer. Selbst an der Schiffschaukel hatte der Eigentümer ein Schild aufgehängt. Nun ist der Begriff Schild etwas übertrieben. Es gab damals noch keinen PC, an dem jeder seine Einladungen oder Briefe schreiben und ausdrucken konnte. Damals hing ein Stück weißes Papier – so in etwa weiß, leicht schmuddelig – beim Karussell an der zentralen Mittelsäule. Der Autoskooter, damals noch Autoselbstfahrer genannt, hatte den Zettel an einer der vier tragenden Außensäulen befestigt. Was wäre ich damals gerne mitgereist! Keine Schule, nur Kirmes und immer Karussell oder Autoskooter fahren! Unsere Eltern fanden das natürlich fürchterlich, allein schon der Gedanke, das Kind bei diesen Leuten! Wie Sie wissen, es wurde nichts daraus. Aber vielleicht hatten Sie denselben Traum.

Damals, also in den 1950er Jahren, fing die Kirmes erst Sonntags an. Am Samstagabend gingen die honorigen und nicht honorigen Bürger in die Kneipe. Einige nahmen sogar ihre Frau mit. Die bekam dann einen „Roten“, während der Herr des Hauses Bier und ´nen Gestritzen trank. Bei Eppings, bei Neiers, bei Lennerz, bei Althelmigs, bei Dierkes oder bei Burbanks, überall saßen die Bürger. Die Kinder blieben zu Hause, wahrscheinlich waren die schon im Bett. Sonntagmorgen machten dann die Kirmesgeschäfte auf, nach dem Hochamt so um elf Uhr. Der Papa nahm dann die Kinder mit, eine Runde Schäßken fahren, mehr war nicht drin. Dann stand man am Rand eines Karussells und schaute sehnsüchtig zum Schild: Ach, könnte man doch mit fahren! Der Papa trank derweilen sein Bier und sein Schnäpschen. Kurz nach 12 Uhr ging´s nach Haus, denn Papa hatte ein paar Bier mehr als sonst getrunken. Daher musste er sich nach dem Essen auf der Chaiselongue ausruhen. Ab 4 Uhr (16 Uhr für die Nörgler!) zog nun die ganze Familie zum Kirmesplatz. Etwa Ende der 1950er Jahre gab es in Bevergern zwei Kirmesplätze, einen bei Althelmigs neben dem Gasthaus „Zum Schwan“ und einen auf dem Burgplatz. Das war möglich geworden, als Meiers Flörken aussiedelte. Heute wohnt dieser mit seinem Hof wieder mitten in Bevergern. Der Platz hinter Eppings und Pelsters war nun frei. Beide Kirmesplätze wurden anfangs noch genutzt. Da ging man von Platz zu Platz, wobei die Erwachsenen immer auf Bekannte stießen, lange Proats hielten und nicht weiter kamen. Dann standen die Kinder auf der Langen Straße auf der Höhe von Kuhlmann sehnsüchtig wartend, dass es weiter ging. Die Sache damals mit dem Doppelplatz war gut, musste aber leider aufgegeben werden. Der Sonntag lief aus wie der Samstag. Dann kam der Montag. Nachmittags machte die Kirmes auf, aber man ging nicht hin, denn der Vater musste erst von der Arbeit kommen. Ohne Papa keine Kirmes! Sie glauben doch nicht, dass damals eine Mutter alleine mit Kindern zur Kirmes ging! Und abends durften dann alle Kinder über sechs Jahre so lange auf bleiben, bis die Freiwillige Feuerwehr Bevergern das Kirmesfest mit einem Umzug durch Bevergern beendete. Vom Gasthof zum Schwan zogen die Feuerwehrleute mit Fackelträgern begleitet über die Lange Straße. Hier und da entzündeten „große Jungs“ farbige Magnesium-Feuer, sobald der Zug in unmittelbarer Nähe daran vorbei zog. Die damals noch enge Durchgangsstraße wurde von hellen recht kurzen Feuerscheinen beleuchtet. Wir, die wir an der Straße standen, beneideten die Fackelträger und die Feuermacher. Kaum hatte der Zug der Feuerwehrleute den Ort zweimal durchschritten, ging´s nach Hause ins Bett. Die Eltern gingen nun noch mal zu Neiers, zu Burbanks, zu Eppings, zu Lennerz, zu Dierkes oder zu Althelmigs. Denn um diese Uhrzeit, es war gut halb neun, drehte sich kein Karussell mehr.

 

Dr. Klaus Offenberg

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