Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Wer kennt sie nicht, Fontanes Ballade von dem „Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ und seinen Birnen.Es gab ihn wirklich, diesen Adligen, der sich im 18. Jahrhundert als Gutsherr in ungewöhnlicher Weise um die Nöte seiner Untergebenen kümmerte.Dass er und Fontanes Ballade bis in die heutige Zeit hinein wirken, ist schon erstaunlich.

 

Zu Zeiten der DDR wurde das Schloss als Altenpflegeheim genutzt. Im Rahmen von Umbauten wurde im Treppenhaus ein großes Wandgemälde erstellt,das sich mit der Ballade beschäftigt, allerdings im Sinne der damaligen sozialistischen Ideologie. Das Bild ist noch heute zu sehen.Es besteht aus zwei Teilen,will zwei Epochen vorstellen, den Feudalismus und den Sozialismus.Im Vordergrund der Vertreter des Adels in einem prächtigen Barockgewand, groß, feist. In der rechten Hand eine Birne, die er stolz emporhebt, die er gleich selber genüsslich verzehren wird. Vor ihm zwei Kinder, Junge und Mädchen, schmal, fast ausgezehrt, halb kniend, vergeblich bittend. Im Hintergrund das Schloss, es verfällt; davor zwei Frauen, Großmutter und Mutter, und wieder zwei Kinder. Die schauen fröhlich zu den Frauen hin, denn von ihnen bekommen sie Birnen satt.Der Ribbecksche Urahn und Fontane würden beim Betrachten dieses Bildes wahrscheinlich ein wenig verwundert den Kopf schütteln.

Der jetzige Herr von Ribbeck hat in jüngster Zeit im Havelland eintausend Birnbäume anpflanzen lassen, um seine nach der Wende eingerichtete kleine Produktion von Birnenbalsamessig und Birnenbränden auszuweiten.Noch wird vorwiegend im Elsass produziert. Der Landkreis Havelland, dem das Schloss gehört, hat bei der Restaurierung der Anlage auch Birnbäume angepflanzt.Auf der Rasenfläche hinter dem Schloss stehen in einem Halbrund sechzehn Birnbäume, ein Birnengarten mit verschiedensten Sorten.Jedes deutsche Bundesland hat sich mit einem Baum beteiligt. Eine in den Boden eingelassene Platte gibt jeweils das Spenderland und die Birnensorte an. Den Anfang des Birnengartens machte das Land Brandenburg, 2008 pflanzte der damalige Ministerpräsident Platzeck den ersten Baum. Den Abschluss machte das Land Bremen mit einer Pastorenbirne. Inzwischen tragen einige Bäume. Die geernteten Früchte werden an Kindereinrichtungsstätten gespendet,was sicher ganz im Sinne des Ribbeckschen Urahns und auch von Fontane ist.

Am Tag der deutschen Einheit wird auf Ribbeck ein Volksfest gefeiert, das Birnenfest; 2014 fand es zum ersten Mal statt. Bei strahlendem Wetter besuchten es etwa eintausend Gäste. In Zukunft will man bei der Gestaltung und Durchführung vermehrt Teilnehmer aus allen deutschen Bundesländern einbeziehen; eine gute Möglichkeit,dass „zusammenwächst, was zusammengehört“.

 

 

Der Ribbecksche Urahn und Fontane, der so gern durch „seine“ Mark Brandenburg wanderte, würden sich über das freuen, was sich da entwickelt.

Maria Beier

Gedicht

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«

So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
So flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.«

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

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