Geschichte der Ibbenbürener Kirmes

Wer denkt heute noch darüber nach, welchen Ursprung die große Kirmes in Ibbenbüren hat? Dazu erschien 1976 ein Artikel in der Ibbenbürener Volkszeitung, die die Ursprünge dieses großen Volksfestes erläuterte.

Heute ist die Kirmes in Ibbenbüren eine Großveranstaltung, zu der eine riesige Menschenmenge durch die Straßen strömt. Sie zieht sich durch die gesamte Innenstadt, sogar die Weberstraße ist gesperrt und auch dort sind viele Fahrgeschäfte und Buden aufgebaut. Es treffen sich alte Freunde aus der näheren und weiteren Umgebung wieder, die früher eine Verbindung zu Ibbenbüren hatten. Diese Kirmes ist die größte Innenstadtkirmes in ganz Westfalen.

Nun zu dem erwähnten Zeitungsartikel vom 1.9.1976:
Erste urkundliche Erwähnung im Jahre 1350:
 

„Wie lange wird die Ibbenbürener Kirmes schon gefeiert? Niemand weiß es genau, gewiss schon mehr als sechs Jahrhunderte lang, Jahr für Jahr, zuerst als ein rein kirchliches Fest, wahrscheinlich zu Ehren des hl. Mauritius,  des Ibbenbürener Kirchenpatrons und zur Erinnerung an die Errichtung der ersten Ibbbenbürener Kirche. Der Mauritiustag ist der 22. September.

Um diese Zeit also muss das alte Kirchweihfest in Ibbenbüren gefeiert worden sein, wenn der hl. Mauritius tatsächlich der erste Kirchenpatron Ibbenbürens war, und daran ist kaum zu zweifeln.

Die Kirchweihfeste waren früher mit einem Jahrmarkt verbunden, mit einer „Messe“. Darum spricht man auch von „Kirchweihmesse“; aus diesem Wort ist dann das Wort „Kirmes“ entstanden. Die ersten Mauritiuskirchen in Westfalen stammen aus dem 11. Jahrhundert. Vermutlich hat Bischof Friedrich I. von Münster, der vor 1064 Domprobst in Magdeburg war, den Bau von Mauritiuskirchen in Westfalen veranlasst.

Jedenfalls hängen die Mauritius-Patrozinien eng mit dem von Kaiser Otto I. im Jahre 962 gegründeten Erzbistum Magdeburg zusammen. Seit dieser Zeit, so sagt die Überlieferung, befinden sich in Magdeburg die Gebeine des hl. Mauritius. Ob von dort Teilreliquien nach Westfalen, vielleicht auch nach Ibbenbüren gekommen sind, ist völlig ungewiss, obwohl es üblich war, solche Translationen bei Kirchengründungen vorzunehmen.

Urkundlich wird die Ibbenbürener Kirmes (Kermisse) im Jahre 1350 erwähnt in einer Urkunde des Justacius von Gogreve vom Gute Langewiese. Der Tag der Kirmes muss damals so bekannt gewesen sein, dass der Schreiber der Urkunde nicht einmal das Datum der Ausfertigung anzugeben brauchte. Es genügte ihm zu schreiben, dass die Urkunde „donderdages“ – am Donnerstag vor dem Ibbenbürener Kirmesfest ausgefertigt wurde. Es muss also nach Mitte September 1350 gewesen sein.

Wäre die Kirmes damals nicht schon eine lange bekannte und wichtige Feier gewesen, hätte der Schreiber gewiss genauer das Datum der Urkunde angeben müssen. Ursprünglich fand die Ibbenbürener Kirmes vermutlich stets an einem Sonntag, in der zweiten Hälfte des Septembers statt. Erst im Jahre 1886 wurde sie auf einen Wochentag verlegt. Auf den alten Kirchenpatron also nahm man nicht mehr wie zuvor Rücksicht, es sei denn, dass man durch den Jahrmarkttrubel den Sonntag nicht entheiligen wollte. In neuerer Zeit ist die Kirmes in Ibbenbüren immer Anfang September gefeiert worden“.

Zu diesem Thema schrieb der Heimatschriftsteller August Brunne
am 5.9.1929 in der Volkszeitung:

„Um 1880erstreckte sich die Kirmes in Ibbenbüren nur vom Oberen bis zum Unteren Markt. Auf ihm standen einige Schaubuden und ein oder zwei Karussells. Wenn die Karussells noch keinen Pferdeantrieb hatten, wurden sie von Ibbenbürener Jungens gegen freie Fahrt und vielleicht einige Groschen, von Hand geschoben. Vorne im Hallesch, in der Nähe des Gesellenhauses, auf Posthalter Kersteins Grund, (Poststrasse – Kirchenesch) befand sich auf abgeerntetem Stoppelfeld die „Arena“ der Kunstreiter und Komödianten.

Mit der Entwicklung Ibbenbürens und mit der Zunahme seiner Bevölkerung dehnte sich auch die Kirmes aus. Auf Bätkers Wiese, an der Münsterstraße belegen, (gegenüber dem Gericht, heute an der Münsterstr. 42 und 44) entstand ein Rummelplatz (vornehmer: Lunapark), der später in seiner größten Ausdehnung die ganze Wiese einnahm. Schieß- und Schaubuden, einige Karussells, Schaukel, Circus, u.a. waren hier aufgestellt. Da der Strom der Kirmesbesucher sich hierher ergoss, so wurden an den Straßen dahin auch Verkaufsstände aufgestellt. Die Kirmes hatte dadurch eine bedeutende Verlängerung erfahren. Im Kriege (1. Weltkrieg) und einige Jahre danach wurden Kirmessen nicht gefeiert.

Die jetzt als Clemensplatz bezeichnete Fläche, die früher Wolffscher Besitz war und als Garten mit einer Mauer umgeben war, wurde von der Stadt angekauft. Die Umfassungsmauern sind niedergelegt worden. Im Kriege wurden dort Kartoffeln gebaut. Später ließ sich auf diesem dafür günstig gelegenen Platz auch die Kirmes nieder. Karussels, Schaukel, Schaubuden u.a. wurden aufgebaut. Bätkers Wiese wurde dadurch nicht wesentlich beeinflusst, sondern blieb nach wie vor voll ausgenutzt.

Die Straße vom unteren Markt bis nach dort wurde dicht mit Verkaufsständen und anderem besetzt. Auch der obere Marktplatz wurde von der Kirmes mehr in Anspruch genommen, indem hier alljährlich das vornehme Schwanenflieger-Karussell Aufstellung fand. Nachdem vor einigen Jahren der neue Marktplatz (der Neumarkt) hergerichtet worden ist und durch eine Straße Verbindung mit dem oberen Markt und der Breitenstraße erhalten hat, wird auch hier als dazu recht geeignet, von der Kirmes ausgenutzt und hier von allem aufgebaut, vorüber sie verfügt.

Nunmehr ist Ibbenbüren mit Kirmesständen reichlich versehen. Fünf Plätze und die Verbindungsstraßen zwischen ihnen stehen als solche zur Verfügung. Aussteller und Besucher finden reichlich Platz und das Gedränge, das sich früher stellenweise einstellte, braucht nicht stattzufinden.

Die Ibbenbürener Kirmes gewinnt an Bedeutung dadurch, dass an dem vorhergehenden Freitag Markt, der „Kiämste-Markt“ abgehalten wird.

An dem Samstag zwischen Markttag und Kirmessonntag herrscht vollständige Ruhe (die Kirmes war nur am Sonntag). Wenn eingangs erwähnt wurde, dass vor etwa 50 Jahren auf dem unteren Marktplatz zwei Karussells zur Kirmes aufgestellt waren, so mag als Vergleich dazu gesagt werden, dass im vorigen Jahre (1928) auf der Ibbenbürener Kirmes sogar sieben oder acht Karussells verschiedenster Art in Betrieb waren und dazu noch zwei Schaukeln.

Das ist auch ein Beweis der Zunahme an Größe und Bedeutung“. 6.9.1951

 
Ibbenbürener Kirmes um 1895
Von Bernhard Komnik:

„Den Auftakt zu den beiden Kirmestagen gaben in den neunziger Jahren der  Beginn der Schul-Herbstferien und die Sedanfeier am 2. Sep­tember. Unter Vorantritt der Weberkapelle(Sweering, Dirigent Heinrich Saatkamp) marschierten die Kinder der unteren Stadtschulen mit ihrem Lehrpersonal, Hauptlehrer Schächter, Lehrern Hilgemann und Lehrer Bischoff, und den Lehrerinnen Haupt und Klausen zur Werthmühle. Der Kriegsveteran Schächter feierte dort in einer zündenden An­sprache den wichtigen Gedenktag der deutschen Geschichte. In den folgenden Tagen beobachteten wir Kin­der die Anfahrt der Schausteller zur Kirmes. Es war eine besondere Arbeit für den damaligen Stadtpolizeimeister Loismann, mit dem Meß­band den Platz für die Karussell- und Buden­besitzer auf beiden Marktplätzen auszumessen und anzuweisen. In der Regel standen auf dem Unteren Markt ein Doppelkarussell (Karcher, Münster),

ein einfaches Karussell (Wegener, Ankum), dann eine Luftschaukel, eine Neger-­Boxbude, ein Panoptikum, „Haut den Lukas“, Kasper, der Freund der Kinder, sowie Kuchen- und Spielwarenbuden.

Die Karussells wurden von Pferden mit besonders schönen Geschirren gezogen. Im Hallesch hörte man die schmetternde Musik des Zirkus Weberini. Auf dem Oberen Markt drehte sich ein einfaches Karussell vor dem Haus, Rosenthal (Hoffschulte) und dort stand ein Kranz von vielen Buden, der sich von dort bis zum Unteren Markt zu beiden Seiten der Marktstraße erweiterte. Zwischen den einzelnen Buden stan­den Tische mit heißen Würstchen, Rauchfisch, Marinaden usw. Vor dem Thalmannschen Haus wurden unter Drehorgelklang vom Orgelmann und seiner Frau die neuesten Schlager gesungen und verkauft.

Lieder, die heute noch gesungen werden, wie „Mein Herz, das ist ein Bienenhaus“, „Das Elterngrab“, „Der Edelweißkönig“, „Weißt du, Mutter, was ich träumte", „Hab’n Sie nicht den kleinen Kohn gesehen“, „Der Böhmerwald“, „Zwei dunkle Augen“, „Der Rattenfänger von Hameln“ u. a. stammen aus der damaligen Zeit.

Als neueste Sensation war auf der Werthmöllerschen Wiese (gegenüber dem Amtsgericht) ein Dampfkarussell aufgebaut In fast jeder Wirtschaft war Jubel und Trubel. Bis zum frühen Morgen (Polizeistunde gab es nicht) wurde getanzt und musiziert. Und ich will es bekennen, dass auf Straßen und Wegen so manche schwankende Gestalt singend seine hei­mische Hütte aufsuchte. Wären schon damals Autos, Motorräder und Fahrräder durch die Gas­sen gebraust, es hätte Scherben und Unglück gegeben.

Doch es war noch die Zeit des tiefsten Friedens, die Menschen waren nicht so nervös und es lag eine strahlende Sonne über ein Deutschland von der Etsch bis zum Belt und von der Maas bis zur Memel“.                              

Ibbenbürener Kirmes um 1900

von Bernhard Komnik
IVZ 23.8.1950:

„Es waren schöne und warme Spätsommertage. Schon der Markt am Freitag, zwei Tage vorher, zeigte einen gewaltigen Zuzug von auswärtigen Besuchern. Oberer und Unterer Markt waren mit Karussells, Luftschaukeln, Schaubuden, Spielwaren- und Kuchenbuden bis zum Straßenrand belegt.

In der Wiese von Bätker (jetzt Krusemeyer) war ebenfalls großer Kirmesrummel und im vorderen Hallesch hatte Zirkus Weber sein Zelt aufgebaut. Martin Lause pries seine „Heiß, Heiß“ - Würstchen an und die Räder der Gewinnbuden schwirrten unaufhörlich. An den Straßenecken konnte man seine Mannesstärke beim „Hau den Lukas“ erproben.

Am Kirmessonntag war der Andrang von Gästen wohl aus dem ganzen Kreisgebiet so groß, dass Gendarmerie und Polizei ordernd eingreifen mussten. Es war damals noch die Zeit des Friedens. Wir hatten eine stabile Währung, vom Groschen angefangen bis zum dukaten-goldigen Zwanzigmarkstück, das Kastmännchen (23 Pfenig), 50 Pfennig, 1 Mark, 2 Mark und 1 Taler (3 Mark) waren von 80prozentigem Silberwert.

Ein Schnaps kostete 5 Pfennig, ein „Hüehldopp“ (Ein-Achtel-Liter-Glas) 15, ein gutes Glas zwölfprozentiges Bier 10 Pfennig, drei gute Zigarren 20, ein heißes Würstchen 10, eine große Tafel Schokolade 20, ein Schinken- Butterbrot 25, eine Tasse Bohnenkaffee 15, Mittagessen 75 Pfennig, Abendbrot 50 Pfennig. Wir lebten wie im Lande der Pharaonen. Kein Wunder, dass spät abends beim spärlichen Gaslaternen-Schein so manche schwankende Gestalt den Weg nach Hause suchte mit einem Sing-Sang auf den Lippen. In allen Wirtschaften war Tanz und Unterhaltung. Die Karussells waren stets vollbesetzt und drehten sich bis nachts 2 Uhr. Für 1 Mark konnte man mit der Kirmesbraut eine Stunde im ersten Stock des Doppel-Karussells Arm in Arm die neuesten Kirmes-Schlager, wie „Edelweißkönigin“, das „Elterngrab“, oder „Hast du nicht den kleinen Kohn gesehen“ (ein judenfeindliches Lied) usw. einstudieren.

Um die Jahrhundertwende ging während einer Pause im Apollo-Theater der kleine Mann im Gedränge verloren, seine Freundin rief in die Menge: 'Habt ihr nicht den kleinen Cohn gesehen?' Der Ruf setzte sich von Mund zu Mund durch die Foyers fort und schwoll zum Chor an. Die Mitglieder des Ensembles nahmen ihn auf, gaben ihm eine Melodie – und es entstand das, was man in meiner Kindheit vor dem Ersten Weltkrieg noch einen Gassenhauer nannte, der Schlager ‚Habt ihr nicht den kleinen Cohn gesehen?

Vor allem war das Doppel-Karussell des Julius Karcher von Münster auf dem Unterem Markt mit seiner volltönenden Waldhuter Orgel stets besetzt. Und so geschah es (um 1900), das am Abend bei einem sehr forcierten Tempo dieses „Scheeßken“ sich seitlich neigte und zusammenkrachte. Meine Agnes rutschte aus meinem Arm, schrie auf und blieb am Geländer liegen. Meine Freundinnen und Freunde, ein Dutzend an der Zahl, wurden durcheinander-gewirbelt. Ich hörte von unten herauf die Stimme meiner besorgten Mutter: „Vatter, o Gott, o Gott, do is use Bänd mindestens im ersten Stock, wenn emm bloß nicks passeert is!“

Ich hatte eine Schramme im Gesicht, da ich bei dem Zusammenkrachen einem Spiegel zu nahekam. Mein Mädchen wurde wieder klar und im Eiltempo kletterten wir die sehr verbogene Treppe herunter.

Wir hatten Grund genug, uns schnell zu verduften, um einen Sanitäter um Pflaster und Mullbinden zu erleichtern. Am folgenden Morgen brachten die hiesigen Zeitungen Artikel über dieses Kirmes-Unglück, das außer einigen Leichtverletzten einige Schockwirkungen hinterlassen hatte“.

Kirmes heute

Die Kirmes 2017 ist wieder ein großes Volksfest
Die Neue Osnabrücker Zeitung schrieb dazu am 23.8.2017:
 

„150 Liter Freibier, spektakuläres Feuerwerk, zahlreiche Fahrgeschäfte und Essensstände: Anfang September findet in Ibbenbüren wieder die fünftgrößte Innenstadtkirmes Deutschlands statt.

Anfang September ist es wieder soweit: In Ibbenbüren startet die fünftgrößte Innenstadtkirmes in ganz Deutschland. An den vier Kirmestagen erwartet die Stadt rund 200.000 Besucher, die auch von außerhalb der Region in die Stadt strömen. Nach Angaben der Stadt reicht die Tradition der Kirmes bis ins 19. Jahrhundert zurück. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Veranstaltung am Fuße des Teutoburger Waldes sukzessive vergrößert. Mittlerweile öffnen mehr als 200 Schausteller ihre Fahrgeschäfte oder bieten ihre kulinarischen Spezialitäten an. Einige der Schausteller sind bereits seit Generationen bei der Ibbenbürener Kirmes dabei.

Wie in jedem Jahr, so wird die Kirmes auch dieses Mal wieder freitags um 11 Uhr mit dem traditionellen Fassanstich eröffnet. 150 Liter Freibier soll es zum Auftakt für die Besucher geben. Beendet wird die Großkirmes am Montag, 4. September, mit einem großen Feuerwerk um 21 Uhr.

Neu in diesem Jahr ist ein in das Kirmesgeschehen integrierter Themenpark, in dem es vor allem um Piraten geht. Eines der Highlights auf der Kirmes ist nach Angaben der Stadt das Megakarussell „Skyfall“. 80 Meter nach oben werden die Fahrgäste katapultiert, ehe es für sie in vollem Schwung wieder nach unten geht.“

Zusammengestellt und kommentiert von Werner Suer

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