Frühling lässt sein blaues Band

Marie liebte schon als Kind Gedichte, und so lernte sie während ihrer Schulzeit begeistert ellenlange Strophen. Oft zum Spott ihrer Mitschüler. Doch das kümmerte sie nicht.

Später, als ihre eigenen Kinder schulpflichtig wurden, besprach man zwar in der Schule Gedichte, doch auswendig zu lernen brauchten die Schüler sie nun nicht mehr. Marie bedauerte das sehr, und als ihr Sohn fünf Jahre alt war, versuchte sie während eines Osterspaziergangs dem kleinen Kerl das Gedicht: „Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte“, bei zu bringen. Zu Maries Freude gelang das tatsächlich in relativ kurzer Zeit, und Mutter und Sohn hatten fortan „ihr“ Gedicht.

Jahre später, der junge Mann war inzwischen etwa zwölf Jahre alt, beklagte sie einmal mehr das „Nichterlernenmüssen“ der schönen alten Gedichte, worauf sie sich anhören durfte, dass die heutige Jugend heilfroh sei, dass sie diesen Quatsch nicht zu lernen brauchte. Nun denn, Marie verstand ihre Lektion und erwähnte derartiges nicht mehr. Inzwischen sind viele Jahre ins Land gegangen, der Knabe von einst ist heute selbst Familienvater und lebt mit seinen Lieben im fernen Berlin. Eines Tages, es war strahlend schönes Frühlingswetter, klingelte das Telefon, Marie hob ab und hörte eine fröhliche Stimme deklarieren:

„Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte...“

 
Marie lauschte andächtig, ihre Augen wurden ein wenig feucht und der Satz: „Es ist ein wunderbares Band, das uns mit unseren Kindern verbindet“, schoss durch ihren Kopf. „Da staunst Du, Mama, nicht wahr?“ sagte die lachende Stimme ihres erwachsenen Sohnes am Schluss des Gedichtes, „aber es kommt noch besser, hör mal.“ Und was hörte Marie?
„Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte…“ Ein zweites Mal das Gedicht, dieses Mal vom fröhlichen Stimmchen ihres Enkels David vorgetragen, und am Ende fast die gleichen Worte:  

„Da staunste Omi, ne?“

Ja, Marie staunte und spürte einmal mehr, dass es diese kleinen Momente waren, die „Glück“ bedeuteten.

Jutta Lorenz

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