Ein besonderer Kirchenbesuch

Die Drei von der Bachstraße

An diesem nebeligen Montag kommt Otti fröhlich winkend auf die bereits wartenden Freundinnen zu.Bertha schaut ihr griesgrämig entgegen und knurrt: „Meine Güte, wie kann man bei diesem scheußlichen Wetter so guter Laune sein?“Otti lacht freundlich,  sie hält ihren aufgespannten Regenschirm über die Freundinnen und flüstert:

„Ihr habt gestern etwas verpasst.“ Bertha brummelt: „Etwas verpasst? Glaube ich nicht, was kann man in diesem Trauermonat schon verpassen?“

„Otti war bestimmt bei einer Weihnachtsausstellung, die fangen doch langsam an“, meint Erna.

„Nein“, sagt Otti lächelnd, „ich war lediglich in der Christuskirche.“

„Ach so“, Bertha scheint enttäuscht, „und da sollen wir etwas verpasst haben?“

„Wenn Otti so strahlt, haben wir etwas verpasst“, sagt Erna bestimmt, „komm, Otti, erzähl endlich.“

„Ich habe gestern Vormittag einen kleinen Spaziergang durch die Stadt gemacht“,  beginnt Otti, „die Christuskirche war offen und ich ging hinein.  Die Ruhe,  Helligkeit und friedliche  Atmosphäre, die mich dort empfingen, waren so wohltuend, dass ich beinahe etwas wie Glück empfand. Ein freundlicher Herr, der sich als Pfarrer vorstellte, erklärte mir viele der Neuerungen, unter anderen auch den wie halbiert wirkenden  Marmoraltar, dessen unterer Teil das Negative in unser aller Leben symbolisiert, während die obere Hälfte mit ihren abgerundeten Ecken für das Positive steht. Unsichtbar für uns, ist in der Mitte des Altars ein Kreuz eingebettet, das hat mich so beeindruckt, dass ich es zu sehen glaubte.“

Otti sieht ganz verträumt aus, sodass selbst Bertha  berührt ist. „Aus dem gleichen Marmor ist das Taufbecken gearbeitet“, fährt Otti fort,  „das steht frei im Eingangsbereich und ist von allen Seiten erreichbar.  Den Höhepunkt für mich bildet allerdings ein Meditationsraum,  der in die Kirche integriert ist und doch auch abgeschieden sein kann, denn die Glastüren  mit den milchigen Scheiben können geschlossen werden. Dennoch fühlte ich mich nicht ausgeschlossen, als ich dort saß, blieben seitlich der Türen doch kleine Spalten offen.“

„Und die neuen Stühle“, fragt Bertha zaghaft, „wie gefielen dir die teuren Stühle?“

„Sie sehen wunderbar aus und unterstreichen noch die freundliche Atmosphäre“, sagt Otti, „und was mich am meisten beeindruckt, ist die neue Art, den Menschen  Gott  wieder näherbringen zu wollen. Im Zeichen unzähliger Kirchenaustritte, Schließung und Umwandlung vieler Gotteshäuser, beschreitet diese Gemeinde mutig neue Wege und investiert Geld, um das auch den Gläubigen zu demonstrieren. Ich freue mich sehr darüber und werde auch in Zukunft häufig in dieser Kirche zu Gast sein.“

„Nimmst du mich dann mit?“ fragt Erna zaghaft, doch  bevor Otti antworten kann, sagt Bertha:

„Na, ja, neue Wege zu gehen, ist ja ganz schön, aber sag mal, Otti, es war doch die evangelische Kirche, die in Bielefeld zuließ, dass ein Restaurant aus einem ihrer Gotteshäuser gemacht wurde, oder?“

„Ja und? Wo ist das Problem?“ ertönt nun Ernas Stimme ungewohnt laut, „vielleicht haben sie ja daraus etwas gelernt und gehen deshalb neue Wege.“

Bertha verzieht spöttisch das Gesicht.

„Daraus gelernt? Das glaube ich nicht, und wenn doch, dann vielleicht  aus dem Namen des Restaurants,  mich mutet der an, wie eine Verspottung: „Glückseligkeit“, oder so.“

Otti sagt unbeeindruckt: „GlückundSeligkeit heißt die Geschmacklosigkeit, aber das haben wir doch längst durchgekaut. Heute berührt mich viel mehr die neu gestaltete Christuskirche. Katholisch oder evangelisch - hin oder her, ich gehe dahin, wo ich das Gefühl habe, Christ sein zu können.“

„Richtig“, nickt Erna. Bertha schließt sich dem Nicken nach kurzem Zögern an, und nun stehen die Drei wieder in alt gewohnter Manier an ihrem Stammplatz.

Jutta Lorenz

Zurück