Ein alter Schlüssel und seine "mögliche" Geschichte

Erbstreitigkeiten gibt es nicht selten. Aber eine „Erbauseinandersetzung“ um einen alten Schlüssel, das ist wohl eher eine Ausnahme.

Es war in den 1970er Jahren. Nach dem Tod des Vaters legten zwei von den vier erbberechtigten Kindern Wert auf einen alten Schlüssel, den der Vater immer hoch in Ehren gehalten hatte. Keiner von beiden wollte freiwillig verzichten. Also einigten sie sich schmunzelnd darauf, um den Schlüssel zu knobeln.

Was aber hatte es mit diesem Schlüssel für eine Bewandtnis?

 

Groß ist er (siebzehn cm), verrostet und alt. Früher hatte man solche Schlüssel für Kirchentüren, Bürgerhäuser oder Truhen.

Viel weiß man nicht von diesem Schlüssel. Er stammt vom alten evangelischen Friedhof an der Christuskirche in Ibbenbüren.

In den 1950er Jahren wurde beim Bau der Ludwigskirche Ausschachtungsmaterial aus der Kanalisation an der Marktstraße verwendet. Dabei fiel ein Erdklumpen auf. Aus halb verrottetem Sackleinen und Werg löste sich ein alter, verrosteter Schlüssel.

Viel mehr wissen die heutigen Besitzer nicht.

Eine kurze Notiz im Lokalteil der IVZ vom 09.10.1953 berichtet von dem Fund: „Ein alter Kirchenschlüssel wurde bei den Ausschachtungsarbeiten in der Marktstraße gefunden. Es handelt sich um einen handgeschmiedeten, wuchtigen Schlüssel, der offenbar zu einer Tür der evangelischen Kirche passte“.

Ein rätselhafter Fund. Wohin gehörte er, wem gehörte er? Solche Fragen stellte sich Engelbert Eiter, in dessen Besitz der Schlüssel - wie auch immer - gekommen war. Ihn interessierte Heimatgeschichte sein ganzes Leben, ganz gleich, ob sie Ibbenbüren, Tecklenburg oder die Grafschaft Lingen betraf.

So berichtete Engelbert Eiter im Dezember 1977 in einem Artikel der IVZ, dass 1674 zur Zeit der Reformation in der Obergrafschaft Lingen, zu der auch Ibbenbüren gehörte, die katholische Geistlichkeit unter Androhung einer hohen Geldstrafe (zweihundert Goldgulden) aufgefordert wurde, Kirchen, Pfarrhäuser etc. zu räumen und die Schlüssel zu diesen Gebäuden abzuliefern. Der damalige Pfarrer der Christuskirche, Johann Wielage, protestierte vehement dagegen. Er und sein Küster weigerten sich, die Schlüssel abzugeben. Es lag für Engelbert Eiter im Bereich der Möglichkeiten, dass die beiden, Pfarrer und Küster, den Kirchenschlüssel versteckt bzw. vergraben haben könnten.

Engelbert Eiter trennte sich sein Leben lang nicht von diesem Schlüssel. Der alte Schlüssel bekam einen besonderen Platz in der Wohnung, und die Familie wusste um seine etwas „mysteriöse“ Geschichte. Da man mit weiterem Rostfraß rechnen musste, ließ E. Eiter von einem Schmied eine Kopie des Schlüssels anfertigen. Seit 2015 befindet sich der alte Schlüssel im Stadtmuseum.

 

Werg:

Auch Heide genannt. Kurzfasern, die bei der Aufarbeitung und Verarbeitung von Flachs/Hanf anfallen. Sie lassen sich zu groben Garnen verspinnen und werden als Polster-, Putz- oder Abdichtungsmittel verwendet.

Maria Beier

 

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