Der Mord an Maria Wientjes in Ibbenbüren im Jahre 1902

Über  hundert Jahre sind seit dem Mord an  Maria Wientjes aus Ibbenbüren vergangen. Ein   Grund für Generation BUNT und Werner Suer, noch einmal in altem Archivmaterial zu stöbern und von der grausamen Tat zu berichten. Der Autor Udo Bürger, der bereits einige Bücher über Kriminalfälle vor 1918 geschrieben hat, bestätigte, dass das hier vorliegende Material mit Namen veröffentlicht werden darf. Es fällt 60 Jahre nach dem Tod nicht mehr unter den Datenschutz.

Ein Verbrecher treibt um die Jahrhundertwende hier in Ibbenbüren sein Unwesen: Im Dörenther Berg - von Dörenthe kommend Richtung Riesenbeck,                                    auf der linken Seite des Hermannsweges - erinnert noch heute ein Gedenkstein an ein schweres Verbrechen, das sich dort an gleicher Stelle im Jahre 1902 ereignete und damals die Bewohner des Tecklenburger Landes in Schrecken versetzt hatte. Tagelang berichtete die Presse über den Stand der Dinge und versuchte, bei den Ermittlungen nach dem mutmaßlichen Täter zu helfen.                        

Der wesentliche Teil der Inschrift auf dem Sockel lautet:

„Grausam gemartert erlitt hier den Tod das unschuldige Comunionkind Maria Wientjes geb. 6. Nov. 1889 gest. 2. Aug. 1902."

Wie die Ibbenbürener Volkszeitung seinerzeit berichtete, war am Nachmittag des 2. August 1902, einem Samstag, die zwölfjährige Schülerin Maria Wientjes auf ihrem Weg von Ibbenbüren nach Dörenthe einem Sittlichkeitsverbrechen und Mord zum Opfer gefallen. Die Ermittlungsbehörden baten um Mithilfe der Bevölkerung. 

In einem Artikel über die Beisetzung des Mädchens am 7. August 1902 heißt es:

„Das überaus zahlreiche Grabgeleite bekundete so recht die innige Theilnahme, welche das herbe Geschick der schwergeprüften Familie bei allen Bewohnern von Stadt und Land hervorgerufen hat. Der mutmaßliche Täter, auf dessen Ergreifung eine Belohnung ausgesetzt war, hatte am Tag der Tat ein weiteres Opfer belästigt, Frau Glasmeyer. Ihr wurden in der Folgezeit eine Reihe von verhafteten Verdächtigen zur Gegenüberstellung vorgeführt, was allerdings ohne Erfolg blieb. Auch etliche hoffnungsvolle Meldungen in der Presse, dass der gesuchte Unbekannte gefasst sein könnte, erwiesen sich als falsch. So gingen mehrere Jahre ins Land, bis man dem Täter endlich auf die Spur kam“.

Wie der Westfälische Merkur am 20.10.1906 berichtete, war es nicht zuletzt den „Redereien seiner eigenen Mutter" zuzuschreiben, dass am 20. Mai 1906 der Ibbenbürener Bergmann Josef Pelstring verhaftet wurde. In der Ibbenbürener Gegend erzählt man dagegen noch heute die Geschichte, dass ein Bewohner Ibbenbürens der Polizei den entscheidenden Hinweis zur Verhaftung geliefert habe, nachdem er in der Stadt unter einem offenen Fenster hergegangen sei und die Frau des Täters zu ihrem Mann habe sagen hören: „Das ist das letzte Mal, dass ich Dir Deine blutigen Klamotten gewaschen habe!"

Am 19. Oktober 1906 musste sich Pelstring vor dem Münsteraner Schwurgericht verantworten. Die Verhandlung bot ein „trauriges Bild sittlicher Verkommenheit", hieß es im Westfälischen Merkur, der über den Prozess berichtete.

Weiter hieß es dann im Merkur:

„Bereits in seinem 15. Lebensjahr war der 1881 in Ibbenbüren geborene Angeklagte wegen eines Notzuchtdeliktes zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, worauf weitere Vergehen folgten. Wie sich in der Verhandlung herausstellte, hatte der Angeklagte am Tag der Tat die vom Kommunionsunterricht in Ibbenbüren kommende Maria zu überreden gewusst, sich mit ihm am Wege niederzulassen. Hier fiel er über die Schülerin her, vergewaltigte sie und verletzte sie durch mehrere Messerstiche schwer. Als er sich von seinem Opfer abwandte, sah er noch die Kleine, die sich aufgerichtet hatte, wie sie ihm mit dem Finger drohte, sie ging noch etwa 30 Meter weit und sank dann tot zu Boden. Diesen Eindruck hat der Angeklagte nicht wieder vergessen können.

Er betäubte sein Gewissen durch Schnapsgenuss. Beinahe wäre man Pelstring schon eher auf die Schliche gekommen. Am Montag nach der Tat fand er sich auf seiner Arbeit im Haus „Langewiese" ein. Sein „verändertes Wesen" kam einem Arbeitskollegen verdächtig vor. Auch führte Pelstring sein Messer, das er sonst immer dabei hatte, diesmal nicht mit sich. Der Arbeitskollege meldete dies der Polizeibehörde, die auch eine Durchsuchung im Pelstring'sehen Haus veranlasste. Da aber nichts Verdächtiges gefunden wurde, stellte man die Untersuchungen ein. Nach der Mordtat genügte Pelstring seiner zweijährigen Militärpflicht, was dazu beigetragen haben mag, dass die Spur des Verbrechens so lange unentdeckt blieb. Der Mord an Maria Wientjes war aber nicht der einzige Punkt, den man Pelstring vor dem Schwurgericht anlastete. Er erwies sich auch als der Täter, der bereits im Juni 1902 bei Ibbenbüren einen Raubanfall auf Frau Heilemann ausgeführt hatte.

Der Angeklagte war ihr mit einem „starken Tannenast" gefolgt und mit den Worten über sie hergefallen: „Tut mir Euer Geld!" Als sich die Frau weigerte, schlug er mit dem Knüppel auf sie ein. Nach Erhalt des Geldes versuchte er, sein Opfer zu vergewaltigen, ließ aber schließlich davon ab und flüchtete. In der Meinung, es handelte sich um eine „reiche Mettinger Dame", näherte sich Pelstring am Abend des 5. April 1905 auf dem Treppkesberg der Gesellschafterin Maria Theis und belästigte sie. Da er Widerstand fand, griff er zum Messer und brachte ihr einen lebensgefährlichen Stich in die linke Hallsseite bei.

Zufällig befanden sich ein Gendarm und ein Kaufmann in der Nähe. Während sich Letzterer um die Überfallene kümmerte, nahm der Gendarm die Verfolgung des Täters auf, der ihm aber entkam. Nach den Aussagen von Frau Theis „konnte man den Unhold nur in der Person eines Bergmanns suchen". Ein Verdächtiger wurde längere Zeit inhaftiert, bis sich seine Unschuld herausstellte. Nach der Festnahme Pelstrings beraumte der Untersuchungsrichter einen dreitägigen Ortstermin in Ibbenbüren an. Die Besichtigung musste in der Bevölkerung bekannt geworden sein, denn am Bahnhof fand sich eine große Menschenmenge ein. Der Anblick der Massen verfehlte seine Wirkung auf den Angeklagten offensichtlich nicht. Nach der Inaugenscheinnahme des Tatortes im Falle Theis wandte er sich an den Untersuchungsrichter und legte, nachdem ein Fluchtversuch missglückt war, ein offenes Geständnis seiner Verbrechen ab. Obwohl sich Pelstring reumütig zeigte und auch einem Gefängniswärter in Ibbenbüren gegenüber das Geständnis wiederholte, machte er während seiner Haft einen weiteren Fluchtversuch. Er besorgte sich eine Schere und einen Meißel und versteckte sie in seinem Bett. Ehe er aber seinen Plan ausführen konnte, wurden die gestohlenen Sachen entdeckt. Diesen Fluchtversuch musste er mit fünf Tagen Dunkelarrest büßen. 

Ein Gutachter, der Kreisarzt von Recklinghausen, sprach sich dahin aus, „dass der Angeklagte pervers angelegt sei und dem Sadismus huldige". Diese Ansicht teilte der Medizinalrat Heising nicht. Auch über die unmittelbare Todesursache des Schulmädchens gingen die Gutachten der Sachverständigen etwas auseinander. Der Wahrspruch der Geschworenen lautete „auf schuldig des Todschlags, des Mordversuchs und der räuberischen Erpressung im einheitlichen Zusammenhang mit Notzucht". Das Gericht erkannte auf die höchste gesetzlich zugelassene Strafe von 15 Jahren Zuchthaus. Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, wurde er nur vorzeitig entlassen, um sofort als Soldat in den Krieg ziehen zu müssen. Danach galt seine Strafe als abgegolten und er zog von Ibbenbüren weg.“

Bild 1+2 Grabstein im Wald Dörenther Berg,     Bild 3 Die Arbeitsstätte des Täters, Haus Langewiese in Ibbenbüren, das alte Forsthaus.

Werner Suer

 

Quellen: Westfälischer Merkur Nr. 524 vom 20. Oktober 1906;   Ibbenbürener Volkszeitung vom 17. August und 19. September 2002.

Udo Bürger, der Autor des jüngst erschienenen Buches „Westfälische Unterwelt: Historische Kriminalfälle und Hinrichtungen in Westfalen“ hat weiter recherchiert und eine umfangreiche Dokumentation über den Gerichtsprozess gegen den Beschuldigten Pelstring gefunden im „Westfälischen Merkur“ Nr. 524 vom 20. Oktober 1906. Er hat diese neuen Erkenntnisse zum Mordfall Wientjes in den Aufsatz in seinem Buch eingearbeitet.

 

 

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