Christuskirche

Die Christuskirche auf dem Kirchplatz

Selbstverständlich wirken Kirchplatz und Kirche wie eine Einheit. Sie verbinden die beiden zentralen Plätze der Innenstadt, den Oberen und den Unteren Markt, und erscheinen als das historische Kernstück Ibbenbürens. Der Kirchplatz bietet mitten in der Geschäftigkeit des Lebens in der Innenstadt Raum für Ruhe und Konzentration. Er präsentiert die Kirche als Mittelpunkt städtischen Lebens in Ibbenbüren.

Seit Jahrhunderten ist die heutige Christuskirche unverkennbar das Wahrzeichen der Stadt. Ihre Kirchweihe vor über rund 1000 Jahren ist der Ursprung für die noch heute am ersten Wochenende im September gefeierte Innenstadtkirmes in Ibbenbüren.

Allerdings sah die Kirche von außen und auch der Kirchplatz nicht immer so aus wie sie sich heute dem Betrachter darstellen. Im Zusammenhang der letzten größeren Umgestaltung der Christuskirche 2012-2013 haben die Archäologen drei große und diverse kleinere Bauphasen rekonstruieren können.

1523-1535  ist die Ibbenbürener Kirche auf die heutige Gestalt vergrößert worden. Seitdem hat sie insgesamt mindestens 11 größere Umgestaltungen erfahren. Die Gründe dafür lagen in der Gemeindeentwicklung, in der liturgischen Erfordernis oder in äußeren Anlässen. 1902 wurden sogar der Altar und der Taufstein vollständig erneuert, weil der Kaiser nach Ibbenbüren kam, um das 200ste Jubiläum der Zugehörigkeit Ibbenbürens zu Preußen zu feiern.

Eine Kirche ist zu keiner Zeit als Museum konzipiert worden. Ursprünglich diente sie als gemeindlicher Versammlungsort der Kommunikation des Evangeliums, um den Glauben zu stärken und die Seele zu heilen.

Deshalb unterwirft sich Kirchenarchitektur funktionalen Erfordernissen und theologischen Konzepten, die Ausdruck des Glaubens sind. So ist eine Kirche selbst in ihrer äußeren Gestalt Mittel der Verkündigung. Das Gebäude „predigt“. Von außen wie von innen. Nach außen weist sie mit ihrem Turm in den Himmel. Sie orientiert Menschen auch von weiter her. Im Inneren bietet sie Geborgenheit und Schutz und ermöglicht es den im Alltag gefangenen Menschen, zur Ruhe und zur Besinnung zu kommen. Als Baukörper stand die heutige Christuskirche ursprünglich mitten in einem Gräberfeld, das später zum Kirchplatz umgewandelt worden ist. Sie ist sowohl von außen als auch von innen als Auferstehungskirche gedacht und architektonisch entwickelt worden. Ausdruck des Auferstehungsglaubens mitten in der vom Tod gezeichneten Welt- und Lebenswirklichkeit.

Die im Jahr 2012 während der Neugestaltungsmaßnahmen in der Kirche tätigen Archäologen haben durch Aufspüren ursprünglicher Fundamente sichtbar gemacht, dass ein erster erkennbarer Baukörper (Bauphase Ia) lediglich ca. 16m lang und vielleicht 8m breit gewesen ist. Altarfundamente, Grundmauern der Apsis und Fundamente eines vielleicht ursprünglichen Turms (Ib) im Westbereich zeugen davon.  Dieser erste vielleicht romanische Bau (auch eine Holzkonstruktion ist denkbar) auf einem steinernen Fundament wurde ins 9./10. Jahrhundert datiert. Er wurde auf der kleinen Anhöhe oberhalb des Unteren Marktes platziert, - ein Ort, der zuvor womöglich schon als Kultstätte in Funktion war - umgeben von den heute nicht mehr sichtbaren Bachläufen im Bereich der Kanalstraße und der Marktstraße. Bauphasen

Eine weitere spätromanische Entwicklung ist durch die Freilegung der steinernen Grundmauern im Süden und Norden wie auch im Osten ins 12./13. Jahrhundert (Bauphase II Turm – Bauphase III Apsis und Gewölbesaal) datiert worden. Die Grundmauern der Apsis kann man noch heute im Chorraum bewundern: Die heutigen Stufen folgen der alten Linie. Diese Kirche war so lang wie das heutige Mittelschiff und so breit wie die äußere Säulenlinie. Eine Einkerbung an der Westwand des südlichen Seitenschiffs zeigt die Linie des Kirchenschiffs jener Zeit.

Die dritte Phase (Bauphase IV - Turm und V - Kirchenschiff) zeigt die heutigen Ausmaße.

Die spätgotische Hallenkirche mit den acht Säulen und dem Turm ist 1523-1535 erbaut worden. Mitten in der Bauphase vollzog Graf Konrad 1527 durch Heirat einen Konfessionswechsel. Tecklenburg wurde evangelisch. Bei der Erweiterung sind die Grabfunde im Bereich der Seitenschiffe sorgsam wieder eingebettet worden. Die äußerst massiven Fundamente im Osten zeigen, dass die Kirche bis an den äußerst möglichen Punkt zum Bachlauf gebaut und aufgrund starken Gefälles gesichert werden musste. Sie erscheint gegen die Marktstraße abgeschnitten, ein Eindruck, der durch die Verbreiterung der Marktstraße in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts weiter zugespitzt erschien. Im Innenraum wurde der Zahl „Acht“ besondere Bedeutung beigemessen. In frühchristlicher Zeit stand die Zahl für den 8.Tag der Schöpfung, den Eintritt in ein neues Sein in Christus, der durch die Taufe markiert ist. Der Kirchraum wurde als Auferstehungsraum konzipiert: Festsaal der Anwesenheit Gottes. Ausdruck des Glaubens mitten auf dem Gräberfeld des Ortes. Dem spätgotischen Grundgedanken entsprechend wurde auf Höhe und Weite und Licht Wert gelegt.

Die letzte von drei nachweisbaren Turmgestalten war aus den beiden unteren Stockwerken des Turmes gebildet. Darüber richtete sich ein langgezogener Turmhelm auf. (3. Foto einer Skizze - Vor dem Stadtbrande 1846) Erst nach dem Stadtbrand von 1846 wurden die beiden weiteren Stockwerke mit der Balustrade und dem heute das Stadtbild prägenden Turmhelm aufgesetzt. Die heutigen vier Glocken sind am Reformationstag 1949 in den Dienst genommen worden. Als Auferstehungsglocke, Trauglocke, Betglocke und Taufglocke akzentuieren sie zu bestimmten Zeiten verschiedene Inhalte der einen Botschaft von Jesus Christus.

An der Rückseite der Kirche zum Norden hin - die ursprüngliche Vorderseite der Kirche mit dem Haupteingang zum Süden zeigte auf den Unteren Markt - wurde im Zuge der Umgestaltung 2011-2013 ein modernes Eingangsportal errichtet, das die Kirche als offene und einladende Kirche zeigt. Es sind transparente Materialien gewählt worden, um den historischen Bau vom modernen Portal abzusetzen und weiterhin sichtbar zu erhalten. Das hochwertig ausgestattete Eingangsportal ist Foyer, Informations- und Begegnungsbereich, außerdem sind eine Teeküche, ein Abstellbereich für Chorpodeste, Instrumente und Bestuhlung sowie eine Toilette untergebracht.

Als weitere Veränderungen im Außenbereich wäre die 1832 erfolgte Umgestaltung des zentralen Friedhofs in einen Kirchplatz zu erwähnen, der in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts mit der heute vertrauten „historisch“ wirkenden Pflasterung versehen worden ist. Ein Kriegerdenkmal aus dem Jahr 1872 ist im Jahr 2011 abgebaut worden.  Teile davon sind im Stadtmuseum zu besichtigen. Auf dem Südplatz sind noch Findlinge zu sehen, die den Fundamenten der Kirche des 12./13. Jahrhunderts entstammen. Interessant sind auch Grundsteintafel und Sonnenuhr an der Südseite der Kirche. Die Übersetzung des Textes auf der Grundsteintafel ist umstritten.

Im Inneren des Kirchraums muss man sich zunächst ein durchaus „chaotisches“ Anwachsen eines Gestühls (Skizze) vorstellen, das 1867 durch ein geordnetes Gestühl in Hörsaalordnung ersetzt wurde. In diesem Zusammenhang wurde die Kanzel von der zweiten Säule im Südbereich an die erste Säule versetzt. Dem Gestühl wurde Anfang der 50er Jahre ein Mittelgang zugefügt, den es vorher nicht gab.  1968 wurde es noch einmal grundlegend hinsichtlich Komfort und Kapazität verändert. 2013 ist es durch flexibel aufstellbares Gestühl ersetzt worden. 

Im Zuge des Wachstums der Gemeinde ist eine Empore erbaut und stetig erweitert worden. In den größten Ausmaßen erstreckte sie sich hufeisenförmig bis an die Ostwand der beiden Seitenschiffe. Diese Ausweitung der Empore wurde in den folgenden Jahrzehnten seit der 2. Hälfte des 19 Jahrhunderts jedoch wieder rückgängig gemacht. Das letzte Stück, die Westempore mit der Orgel, wurde 1968 entfernt, um mehr Weite und Licht in den Kirchraum zu bringen. Im Laufe der Jahrhunderte haben verschiedene Orgeln den Raum mit Klang erfüllt. Die heutige Orgel ist 1972 an die Westwand des nördlichen Seitenschiffes aufgebaut worden.

Die 1968 begonnene ideelle Linie, dem Raum das Licht und die Weite zurückzugeben, wurde bei der letzten Umgestaltung 2011-2013 fortgesetzt. Das Architekturbüro SOAN aus Bochum hat den spätmittelalterlichen Kirchraum in seinen ursprünglichen Dimensionen wieder erlebbar gemacht. Durch das Entfernen des dunklen und mächtigen Gestühls wurde der Raum wieder hoch und licht und weit, wie er ursprünglich aus dem gotischen Grundgedanken entwickelt war. Vier der acht Säulen stehen wieder wie im Anfang frei im Raum und tragen das Gewölbe. Im Turmraum wurde ein Raum der Stille eingerichtet, der die besondere Atmosphäre des ältesten Raumes der Stadt auf besondere Weise erlebbar macht. Die im evangelischen Verständnis sakramentalen Orte der Taufe und des Abendmahls, Taufstein und Altar,werden durch steinerne Lichtpunkte aus weißem Marmor in den Mittelpunkten des westlichen und östlichen Jochs markiert. Sie bilden mit dem Christusleuchter im Raum der Stille im Westen und dem Lichtkreuz im Chorraum im Osten, das der armenischer Künstler Albert Vardanyan nach Entwürfen des Architekten gefertigt hat, die „Christusachse“. Diese lädt den Kirchraumbesucher zu einem spirituellen Weg des Glaubens ein.

Die Gemeinde kann den Raum aufgrund des freien Gestühls für Konzerte und Gottesdienste sehr flexibel gestalten. So dient sie heute einem lebendigen Gemeindeleben mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Gottesdienstformen, Konzerten und kulturellen Veranstaltungen aller Art. Begeisterte Besucher empfinden die Christuskirche heute als den schönsten Raum der Stadt. Tradition und Moderne gehen eine spannende und anregende Synthese ein.

Reinhard Lohmeyer

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