Christuskirche: Funzelnische „O schaurig ist´s durchs Moor zu gehen“

Früher war es in Ibbenbüren auch schaurig, nirgendwo strahlte ein Licht aus einem Fenster. Wie dem Knaben im Moor ging es bestimmt vielen Bürgern in der Stadt. Vor über 200 Jahren hatte Ibbenbüren 1500 Einwohner, keine befestigte Straße und schon gar keine Beleuchtung. Auch im Haus brannten nur Öl- und Tranfunzeln oder Talglichter, die selbst hergestellt wurden.

Die Kirche war der Mittelpunkt, drum herum war der Kirchhof. Er diente nicht nur als Begräbnisstätte, sondern war wichtiger sozialer Mittelpunkt der Gesellschaft. Ein Friedhof war manchmal Weide, Warenlager, Versammlungsort und Handelsplatz zugleich, er gehörte zum täglichen Leben dazu. Das Gräberfeld reichte von „Ledigs Anna“ bis zur „Kneipe am Kirchplatz“, und von der Kanalstraße, früher Kützelbach bis zum Planebach, der heutigen Brunnenstraße.

Die Häuser entlang der jetzigen Marktstraße waren vor mehr als 200 Jahren noch nicht da, die Plane floss am Friedhof entlang.

Zitat aus „Anton Rosen – Ibbenbüren von der Vorzeit bis zur Gegenwart“, Text aus einer Akte von 1616, die das erste Bürgerschützenfest beschreibt: „Auf dem Marktplatz, oberhalb des Kirchhofes versammelte sich die Gemeinde … An der gefährlichen Stelle, da, wo die Kirchhofsmauer nahe an die rauschende Plane heranrückte, beleuchtete die Kirchhofslaterne, die in der Nische am mittleren Pfeiler der Apsis angebracht war, den Weg“. Diese Tranfunzel wurde vom Pfarramt mit Walfischtran oder Rüböl versorgt. Sie war die einzige Lichtquelle in der ganzen Stadt, nah am Friedhof, dem heutigen Kirch-Parkplatz.

Die lange Torgasse über den Fluss, die zum Pastorat an der Klosterstraße führte, war abends kaum zu erkennen. Die Bürger hatten Angst, über den schmalen Weg zu gehen.

Wie war das mit dem Walfischtran? Wo und wann wurden Wale gefangen? Wie kam Walfischtran nach Ibbenbüren? Und Rüböl, was ist das? Später mehr dazu.

Wale wurden vor Grönland im Eismeer gefangen, die Kaufleute, die Walfängerschiffe ausrüsteten, kamen aus den skandinavischen Ländern, Russland, Holland, Frankreich, Hamburg und Bremen. Bis Mitte 1700 wurde wegen Tran, Fleisch, Speck, Fischbein und Walfischzungen Jagd auf Wale im großen Stil gemacht. Die Zungen kamen im Mittelalter als Leckerei auf die Tafel der Oberen.

Die Walfischfänger verarbeiteten den mit Harpunen erlegten Wal unterwegs direkt am Segelschiff und an den kräftigen kleinen Ruderbooten. Mit einem um die Schwanzflosse gewickeltem Seil wurde er rückwärts abgeschleppt. Die Stiefel der Walfischfänger waren mit langen Stacheln besteckt, damit sie beim Schneiden der Speckmassen festen Halt auf der glatten Haut hatten. Den Speck schnitten sie in eckige Stücke und schlugen ihn in Fässern. Dann wurde der Wal am Masten hochgezogen und ausgeweidet, entbeint, fast alles war verwendbar! Die Knochen lagerten im Schiff auf den Speckfässern. Die Reste wurden gleich auf dem Meer entsorgt, zur Freude der „weißen Bären“ und der Seevögel.

In den Transiedereien in Bremen, Hamburg oder Emden wurde das Fett durch langes Kochen in großen Siedepfannen ausgelassen und mehrmals gesiebt und gefiltert. Eine Pfanne fasste mehrere Fässer Walfischspeck. Abgefüllt in verschieden großen Fässern, mit etwas Bodenwasser zur Konservierung und erkaltet stand es bereit für den Handel. Bei der Qualitätsprüfung musste der Kontrolleur acht geben, dass er nicht aus dem unteren Teil des Fasses eine Probe des Trans nahm: Fett schwimmt oben.

Es ist anzunehmen, dass der Tran mit Pferd und Wagen nach Ibbenbüren geliefert wurde. Bevor es Eisenbahn, Telefon und Automobil gab, hatte Mohrmann schon lange Jahre ein Handelsunternehmen. Neben Kolonialwaren, wie Kaffee, Tee und Kakao gab es bei Mohrmanns natürlich auch Walfischtran zu kaufen.

In Ledergerbereien, zum Schmieren von Schiffsrümpfen und Wagen, zum Lampenbrennen, Seifensieden, Einfetten von Riemen und Stiefel gebrauchte man Fischfett. Nur der beste gelbweiße Tran kam in die Stubenfunzel, den dunklen bräunlichen Tran verwand man besser nur im Stall oder draußen, er roch nicht so gut und qualmte auch.

Die Tranfunzel, später Öllampe schimmerte auf den Friedhofsweg. Noch heute kann man die zugemauerte Nische am mittleren Pfeiler des Chores gut sehen. Auch an der Stadtkirche in Westerkappeln wurde zum gleichen Zweck eine Vertiefung für eine spärliche Beleuchtung am Friedhof in den Stützpfeiler der Kirchenmauer eingelassen. Hier ist die Nische offen und man kann sich gut vorstellen, wie der Kirchendiener gegen Abend auf die Leiter klettert und die Funzel ansteckt.

Rüböl, Rübsenöl oder Rapsöl wurde ursprünglich nicht in der Ernährung verwendet wegen des hohen „Erucasäure“-Gehaltes. Als Lampenöl, Schmierstoff oder Seifengrundlage war es aber gut zu gebrauchen. In den 1960er und 70er Jahren kamen neue Raps-Züchtungen auf den Markt – mit kleinem Säuregehalt. Heute wird auch Biokraftstoff aus Rapsöl hergestellt.

Steckrüben und Raps sind weitläufig verwandt.

Anette Bucken

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