Brief an den Präsidenten der USA

Das Frühjahr ist da. So nehmen die „Drei von der Bachstraße“, Berta, Otti und Erna, ihre Marktbesuche wieder auf.

Berta hat schon eingekauft: ein Paket Schreibpapier. „Was willst du mit soviel Papier?“ fragt Otti. „Ja, was wohl, schreiben“, reagiert Berta etwas grantig. „Na, ja. Aber musst du sofort den ganzen Laden kaufen?.“ „Hast ja recht“, gibt Berta zu, „ich habe in den letzten Tagen soviel geschrieben, alles für den Papierkorb.“ „Und wem schreibst du soviel?.“

„Das ist es ja eben. Ich komme nicht weiter. Ich glaube, ihr müsst mir dabei helfen. Ich schreibe an den Präsidenten der USA.“ Erna verschlägt es die Sprache. Von Otti kommt zuerst nur ein „Wou!“ Dann: „So wie ich dich kenne, Berta, hast du etwas von den Briefen bei dir. Her damit!“  „Na gut, hört zu!“

Mister President,

oder sollte ich Sie nicht eher mit „Mister Big Boss“ anreden? Sie betonen immer wieder, kein Politiker zu sein, sondern Geschäftsmann. Natürlich meinen Sie damit den erfolgreichen. Die paar Pleiten, die bei Ihnen mal dabei waren, na gut, Schnee von gestern. Oder sind das vielleicht einfach nur „fake news“, die sich da „böse“ Journalisten ausgedacht haben?

Wenn ich die Nachrichten verfolge, haben Sie sich mit der Auswahl Ihrer Mitarbeiter etwas schwer getan. Es dauerte ungewöhnlich lange, bis die Mannschaft stand. Das paßt eigentlich nicht in die Welt der Big Bosse. Da muss es schnell gehen, die Börse reagiert sofort und knallhart. Sie brauchen bei der Auswahl doch nur ein Kriterium zu beachten: Börsenkurs!!  Wenn die Antwort „top“ lautet, kann der Mann überall eingesetzt werden.

Mister President, manches, was Sie sagen oder tun, passt so gar nicht in das Bild vom Big Boss. Bei Ihrer Einführungsrede haben Sie zum Beispiel den Eid auf die Bibel geschworen, ja sogar auf zwei Bibeln. Haben Sie, der Geschäftsmann, da nicht in das falsche Regal gegriffen? Wäre nicht ein großer Stapel von Handelsblättern richtiger gewesen? Die beschäftigen sich doch mit der Frage, wie man ganz schnell zu ganz viel Geld kommt. Und das ist doch das Hauptanliegen eines Geschäftsmannes. Die Bibel dagegen predigt Nächstenliebe und das selbstlose, gewinnloseTeilen mit anderen. Kein kleiner Widerspruch! Nicht gewußt? Bei der Eröffnungsrede hatten Sie sechs Vertreter von religiösen Richtungen dabei! Hat keiner Sie informiert?

Jetzt noch etwas anderes.

„America first“, das ist wohl die Twitter-Form Ihres Konzeptes, ein ausführliches Regierungsprogramm liegt der Öffentlichkeit meines Wissens immer noch nicht vor. Ein Stück Ihrer Konzeption ist die Mauer an der Grenze zu Mexiko, ein anderes das strenge Einreiseverbot. Vor dem umfangreichen Bauvorhaben mit Mexiko müssen Sie unbedingt etwas tun, und das möglichst schnell!

Die Freiheitsstatue abreißen!!

Freiheitsstatue und Inschrift gehören zum Weltkulturerbe der Menschheit. Gefährlich! Ganz gefährlich! Karl Marx hat einmal vom Opium fürs Volk gesprochen. Das könnte hier auch zutreffen. Wenn man die Inschrift liest, könnten dumme Fragen gestellt werden. Von „bösen“ Journalisten zum Beispiel oder Menschenrechtlern oder vielleicht sogar von Politikern.

Die Ernennung zum Weltkulturerbe kann man auch nicht so leicht den „fake news“ zuordnen. Besser die Stautue einfach abreißen, weg mit Symbolik und Inschrift.

Inschrift:

„Gebt mir eure Müden, eure Armen.
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren.
Die bemitleidenswerten Abgelehnten eurer gedrängten Küsten.
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen.
Hoch halt' ich mein Licht am gold'nen Tore.
Sendet sie, die Heimatlosen, vom Sturm Gestoßenen zu mir.
Hoch halte ich meine Fackel am goldenen Tor.“
 

Wie wär's mit Umschreiben? Ich hätte da einen Textvorschlag.

Stopp für die Armen, die Besitzlosen, die Heimatlosen!
Meine Fackel beleuchtet das Tor zum goldenen Kabinett der Börse.
Limitierter Zugang.

„Na, was meint ihr dazu?“ will Berta wissen.

„Unterschreiben würde ich den Brief sofort “, so Otti, „aber, wer hört auf uns, Berta? Also spar dir das Geld für Papier und Porto.“ Erna ist anderer Meinung:„Berta hat sich etwas von der Seele geschrieben; etwas, was sie denkt, was wir denken. Also sollte sie es auch wegschicken. Ganz gleich, ob der Präsident oder überhaupt jemand den Brief liest.“

Maria Beier

 

Bildquelle: wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/a1/Statue_of_Liberty_7.jpg/250px-Statue_of_Liberty_7.jpg

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