Alter? Kein Abstellgleis!

Alter? Kein Abstellgleis!
Zum Buch von Henning Scherf: Grau ist bunt - Was im Alter möglich ist

Verschmitzt lächelt er vom Deckblatt seines Buches , als wollte er sagen: Ja, auch wenn es ein bisschen verrückt klingt, es stimmt, grau ist bunt!
Henning Scherf , ehemaliger Bürgermeister der Hansestadt Bremen, langjähriger Politiker (SPD). Über Jahrzehnte aktiv in Gremien, die sich mit sozialen, entwicklungspolitischen, kirchlichen Fragen beschäftigen, mit Problemen junger und alter Menschen .
Und gerade hier werden die Probleme nicht weniger. Die Alterspyramide steht Kopf. Medien zeichnen ein düsteres, bedrohliches Bild. Ausgesprochen oder nicht, scheint es nur eine Frage zu geben, die der Kosten, der Bezahlbarkeit einer ständig älter werdenden Generation. Das weiß Henning Scherf, er kennt die Realität, nimmt sie aber nicht als unabwendbares Schicksal hin.
„Leider wird das Alter überwiegend als Angst- und Panikthema vermittelt. Doch mit diesem Endzeitjammer über die alternde Republik, mit diesen Schreckensbildern von Massen an pflegebedürftigen Greisen, die mit ihren Rollstühlen uns alle in Bedrängnis bringen, muss Schluss sein! Ich möchte gern über die Chancen reden, die ein Leben nach der Berufstätigkeit eröffnet. Ich möchte darüber reden, was alles im Alter möglich ist. Ich möchte Menschen Mut machen und sie hinterm Ofen hervorlocken."
Er ist kein Schwärmer, auch wenn er nur so vor Ideen sprüht, er ist Realist.
Seine Grundaussage ist, dass der alte Mensch produktiv sein kann. Das sollte jeder für sich ausloten und daraus Konsequenzen ziehen. Einfach ausprobieren, was noch geht. Dazu macht er Mut. Davon erzählen die vielen Beispiele aus der Praxis.
Die Spanne der Möglichkeiten ist groß. Altersgerechte Arbeit entwickeln, Berater in Wirtschaft oder Handwerk, Vertretungen, längere Lebensarbeitszeit, ohne den Einzelnen auszubeuten, Mitarbeit in sozialen, kulturellen, wissenschaftlichen Projekten, bei Freiwilligenagenturen, Sportvereinen oder Chören .
Ungeahnte Potentiale für gesellschaftlich notwendige Aufgaben tun sich da auf. Realisiert würden diese Aufgaben - vielfach ehrenamtlich - durch rüstige „Alte" unserer Gesellschaft. Profitieren würden beide. Selbstbestimmte Arbeit, ehrenamtliche Tätigkeiten, Hobbys genießen, das alles bringt Zufriedenheit.
„Wichtig ist, Tätigkeiten zu finden, die dafür sorgen, dass man nicht schon vormittags auf das Fernsehprogramm wartet." Oder dass man zur „Urlaubskarikatur" wird.
Scherf probiert vieles für sich aus, was er in seinem bisherigen Leben nie zuvor getan hat. So fängt er an zu kochen. Man sieht den großgewachsenen Hanseaten förmlich am Herd stehen, Kochbuch in der einen Hand, Rührlöffel in der anderen, von vorbeikommenden Hausbewohnern der Wohngemeinschaft gute Ratschläge dankbar annehmend. Das Vorhaben, sprich Kochen , gelingt.
Eindrucksvoll auch das Beispiel „Malen". Das wollte er schon immer. Jetzt tut er es. Zwar muss er nüchtern feststellen, dass die anderen im Kurs der Volkshochschule viel besser sind als er. Aber: „Ein Stuhl, ein Pöttchen Wasser, ein Malkasten, Papier und Pinsel genügen. Ich habe einen Miniaufwand, sitze im Grünen, beobachte genauestens die Natur, höre die Vögel zwitschern und konzentriere mich auf mein Objekt. Malen ist eine sehr intensive Form der Aneignung , man sieht sich in Struktur und Proportion und Licht und Farbe hinein. Fromme Leute würden sagen, dies sei ein Gebetserlebnis, Esoteriker würden sagen, dies sei eine große Meditation. .Man ist ganz bei sich selbst, vergisst seine Umwelt und versinkt völlig in dieser Tätigkeit. Für dreißig Euro für den Sommerkurs."


Scherf macht jedem Mut, nach der eigenen Altersrolle zu suchen, und zwar in der Umgebung, in der er gelebt hat und weiterhin lebt, dort wo er durch Familie, Arbeit, Nachbarschaft verortet ist. Menschen, die mitmachen, finden sich hier eher, auch wenn es nicht ausbleibt, gelegentlich „Abgänge" verkraften zu müssen.
Natürlich kommt das alles nicht von selbst, es will gelernt sein, und der Lernprozess ist lang und garantiert mit Enttäuschungen und Rückschlägen verbunden.
Das gilt vor allem für das gemeinsame Leben, ob im Mehrgenerationenhaus, im Seniorenheim oder in der selbstgegründeten kleinen Alterswohngemeinschaft. Hier gewinnen Werte wie Toleranz, Hilfsbereitschaft , Einbringen der eigenen Kompetenz, Zurücknahme des Ego wieder ihren wahren Stellenwert. Werte, die in unserer Ellbogengesellschaft leider an Bedeutung verloren haben, für die Qualität des Lebens allerdings unabdingbar sind.
„Ein Zusammenleben mit mehreren ist kein Selbstläufer, sondern erfordert immer wieder neue Anstrengungen. Aber die Mühe ist es wert."

Ein Buch, das Mut macht , dass zum Nachdenken anregt, dass auf seine Weise begeistern kann. Nicht jeder Leser wird ein Henning Scherf werden.
Aber seine Einstellung zu „Alter" und „Altwerden" kann sich ändern.
Und dann hat sich das Lesen gelohnt.

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