„Alltagsmenschen“ in Telgte

Telgte, Kleinstadt im Münsterland, Marienwallfahrtsort. Die Stadt hat das ganze Jahr über viele Gäste. Wenn im Frühsommer die große Wallfahrt aus dem Osnabrücker Raum stattfindet, kommen etwa achttausend Pilger für zwei Tage in den relativ kleinen Ort. Jetzt hat Telgte etwas, das zusätzlich eine Menge Besucher anzieht: Die Ausstellung „Alltagsmenschen“ (26. April bis 26. Juli 2015).

Die Künstlerin Christel Lechner aus Witten an der Ruhr zeigt in der Altstadt von Telgte zum zweiten Mal eine Auswahl ihrer „Alltagsmenschen“.

Die Standorte für die Skulpturen sind mit Bedacht ,aber auch mit Witz ausgewählt: Auf dem Marktplatz präsentieren sich stolz die uniformierten Schützen mit ihren Frauen. In einem wunderschön begrünten Innenhof sitzt umgeben von Blumen eine Frau, Picknick. Auf der Verkehrsinsel einer Durchgangsstraße liegt eine Dame in Rot, „Ariadne“. Sogar auf einem Dach findet ein Mann  einen Platz.

Ein handlicher Flyer hilft dem Besucher, die Skulpturen  aufzufinden. Erstaunlich viele Menschen wollen die „Alltagsmenschen“ aus Beton sehen, machen sich mit dem Flyer in der Hand auf die Suche nach ihnen und haben offensichtlich Freude an den bunten, überlebensgroßen, schwergewichtigen Figuren. „Alltagsmenschen“, ein paar Beispiele : Mann mit Zeitung, Fußballer, Frau mit Kittelschürze, Mann mit Schiebermütze, Nonne, Putzfrau, ältere Menschen, die spielen („Reise nach Jerusalem“). Alle Figuren sind überlebensgroß, die meisten auch übergewichtig, haben große Hände, und die Schuhgröße liegt nicht unter vierzig. Die Gesichtszüge sind etwas grob, aber durchaus ausdrucksstark,mal freundlich lächelnd , mal nachdenklich sinnend. Schon erstaunlich,wenn man an das Material „Beton“ denkt. Bunt bis knallig ist die Kleidung, aber so sind die Figuren  sofort ein Blickfang für die Besucher.

Was fasziniert an diesen „Alltagsmenschen“?

Sie strahlen etwas aus. Sie sind einfach zufrieden mit sich und der Welt, sie sind, wie man so sagt, „mit sich selbst im Reinen“. Solchen unspektakulären Menschen ist ein jeder schon einmal begegnet. Begegnungen dieser Art tun gut. „Beton mit Seele“ titelte eine Zeitung. Diese „Alltagsmenschen“ werden die großen Probleme der Welt nicht lösen, aber den Alltag werden sie bewältigen, ihren Alltag, mal besser, mal schlechter,ob in Gummistiefeln oder mit Kittelschürze. Und hier gleichen sie den meisten Besuchern, die eben auch keine Menschen mit den Maßen eines Models sind, keine Reklameschönheiten, keine Supermenschen. Einfach „Alltagsmenschen“.

Vielleicht begegnet man in den „Alltagsmenschen“ ein wenig sich selbst. Eine der Figuren wird nach Ablauf der Ausstellung in Telgte bleiben, der Mann mit der Schiebermütze. Die Telgter haben dem Neubürger schon einen Namen gegeben: „Heinrich“ . Diese Skulpturen werden niemals im Louvre in Paris stehen, mit der Mona Lisa können sie nicht mithalten, vielleicht finden sie einmal Einlaß im Landesmuseum in Münster. „Alltagsmenschen“ und Spaziergang in der Altstadt von Telgte, das ist leicht an einem Nachmittag zu machen.

Es lohnt sich.

Maria Beier

 

Bildquellen: http://westfalium.de/2015/04/23/alltagsmenschen-von-christel-lechner/

 

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