Die Drei von der Bachstraße

Die Drei von der Bachstraße
„Wollen wir zu Henning Scherfs Lesung in die Stadtbücherei gehen?“ fragt Erna, als sie an diesem Morgen zur Bachstraße kommt „es ist bestimmt interessant, wenn er von seinen Erfahrungen aus der Senioren- WG berichtet oder vorliest.“
„Wenn du meinst“, sagt Bertha, „aber für mich wäre das nichts.“
„Typisch Bertha, gleich ein Vorurteil zur Hand ohne die Fakten zu kennen. Warum willst du denn überhaupt dorthin gehen?“ Otti schüttelt ein wenig vorwurfsvoll den Kopf.
„Das ist kein Vorurteil sondern eine Tatsache“, sagt Bertha bestimmt, „mit Menschen wie dir, die alles besser wissen, könnte ich eben nicht zusammen leben, das ist einfach so.“
„Das haut dem Fass den Boden aus“, lacht Otti, „sich jeden Tag mit mir treffen wollen, aber zusammen wohnen nicht? Glaubst du, ich wollte mit d i r in einer Wohngemeinschaft leben?“
„Warum denn nicht“, sagt jetzt Erna lauter als gewohnt, „wir kommen doch sowieso nicht ohneeinander aus.“ Verdutzt schaut Otti die Freundin an. „Du meinst, wir sollten zusammen ziehen?“ fragt sie erstaunt. „Ja, zumindest sollten wir es in Betracht ziehen, wir haben alle drei noch unsere Häuser, fühlen uns absolut einsam darin, die Arbeit ist uns zu viel und wir treffen uns sowieso jeden Tag. Was liegt also näher, als es vielleicht einmal auszuprobieren?“ „Stimmt“, sagt Bertha, „dafür würde sich Ernas Haus am besten eignen, da wäre in jeder Etage eine Wohnung, eine Veranda als Gemeinschaftsraum und wenn wir zwei unsere Häuser verkaufen ….“ …könnten wir einen Treppenlift einbauen lassen, und uns eine Reinmachefrau und einen Gärtner erlauben“, ergänzt Erna.
„Das klingt, als trüget ihr schon länger diese Gedanken mit euch herum“, sagt Otti erstaunt, „aber wieso habe ich davon nichts mitbekommen?“ „Weil du immer abblockst, wenn mal die Rede vom Wohnen im Alter ist“, grinst Bertha.
„Ihr erstaunt mich immer wieder, das heißt also, du würdest doch mit mir zusammen ziehen, Bertha?“ will Otti wissen, und reibt sich verstohlen über die Augen. „Was wären wir denn ohne dich“, sagt Bertha gutmütig, „nun heul‘ nicht, es muss ja nicht gleich Morgen sein, aber mit Überlegungen anfangen, sollten wir allmählich.“
„Stimmt“, nickt Erna, „und darum hören wir uns als Vorbereitung an, was Herr Scherf dazu zu sagen hat.“
„Ok, ok“, sagt Otti, „aber ich liebäugele bereits mit einer neuen Wohnung, die altersgerecht und dennoch schick ist, sie ist hier in der Nähe und wir könnten sie uns gleich mal ansehen. In dem Haus gibt es übrigens noch mehr Wohnungen, die vermietet werden sollen.“
„Das wäre eine Alternative, die wir uns sofort ansehen sollten“, sagt Erna erfreut. „Genau“, nickt Bertha, „und der ganze Dreck, den ein Umbau mit sich brächte, bliebe uns erspart.“
„Sag ich doch“, lacht Otti, hakt sich bei den Freundinnen ein und gemeinsam marschieren sie los, um ihre „Alternative“ zu besichtigen.
Jutta Lorenz

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