Plattdeutsches Gedicht

 
 
Kiek es, wat is de Himmel so raut!
Dat sind de Engelkes, de backt dat Braut.
 
Se backet den Wiehnachtsmann sein Stuten,
för all de lüttken Leckerschnuten.
 
Nun fix, de Tellers up den Disk
un leggt ju hen, un schlaupt ju frisk.
 
De Sünteklaos steiht vör de Düör,
de Wiehnachtsmann, de schickt em hiär.
 
Wat de Engelkes häfft backet,
dat süölt gi probeern.
 
Un schmeckt et guet,
so häbbt se dat geern.

Un dat Christkindken schmunzelt:

Nu backt män noch mehr;
ach, wennt doch erst Wiehnachten wör!
 
 
 
 
 
 
 
 
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Ooo Tannenbaum

 

Letztes Jahr war ich mit meiner Familie zu Weihnachten bei deutschen Bekannten eingeladen.

Meinen Kindern hat die Weihnachtsfeier sehr gut gefallen. Der Tannenbaum, die Kerzen, die bunten Kugeln, die Strohsterne und die Zwerge mit der kleinen Holzhütte unter dem Baum. Als wir wieder zu Hause waren, bestanden die Kinder darauf, dass  wir nächstes Jahr auch Weihnachten feiern.

Ich dachte mir, dass die Kinder nichts Unmögliches verlangen. In gewissem Sinne würde ich damit  meinen Teil zur Integration beisteuern, so wie es sich die deutschen Politiker doch wünschen. Außerdem wäre es was völlig Neues für mich. In diesem Herbst bin ich fast aufgeregter als die Kinder, die ständig nach ihrem Tannenbaum fragen: „Vater, kauf doch endlich einen Tannenbaum! Wenn du noch lange wartest, gibt es bald keine Tannenbäume mehr!“

„Macht euch keine Gedanken, Kinder,
wir haben doch erst September.
Notfalls hole ich einen Baum aus dem Wald.“
„Osman, bis du dich endlich rührst, haben wir bestimmt Ostern!“,  meckert meine Frau.

Mit Stolz erzähle ich allen meinen Arbeitskollegen in  Halle 4: „Jungs, stellt euch vor, ich feiere dieses Jahr Weihnachten!“

„Echt, Osman, machst du das wirklich?“
„Ja, ja, ich werde sogar einen echten Tannenbaum kaufen.“

Ich bin so aufgeregt, als würde ich keinen Tannenbaum, sondern einen Rolls-Roys-Transit kaufen. Und schon haben wir den Salat …. ich meine Weihnachten. Am Heiligabend bin ich total aus dem Häuschen und völlig durcheinander. Stellt euch vor, zum erstenmal seit 48 Jahren (zuzüglich neun Monate Schwangerschaft) feiere ich Weihnachten. Zahlreiche Freunde sind gekommen, um mitzuerleben, wie wir Weihnachten feiern. Alle stehen Hand in Hand um den Tannenbaum herum. Da es im Türkischen für den Anlass kaum passende Lieder gibt, singen wir gemeinsam auf Deutsch: „Ooo Tannenbaum, ooo Tannenbaum, wie schön sind deine Bläääteeeeer!“

Mein Freund Mohammed flüstert mir ins Ohr: „Osman, bist du wahnsinnig geworden? Weisst du denn nicht, dass die Christen den Tannenbaum aufstellen, damit Jesus kommt? Was willst du machen, wenn er wirklich kommt? Ich schwöre dir, dieser Jesus ist so mächtig, der macht selbst dich zu einem  Christen!“

Bei Allah, das hatte ich nicht gewusst!

Auf einmal bekomme ich fürchterliche Angst und stottere: „Nicht doch!  Auf der ganzen Welt warten Millionen auf ihn, wieso sollte er ausgerechnet zu uns kommen?“ Mohammed lacht hämisch über meine Naivität. „Osman, natürlich kommt er zu dir. Was soll er denn bei einem Christen? Er kommt extra zu dir, um aus einem Moslem noch einen Christen zu machen.“ Ich weiß nicht, was ich machen soll ?!

Am liebsten würde ich den Tannenbaum sofort aus dem Fenster werfen. Aber das kann ich den Kindern nicht antun. Im Prinzip habe ich nichts gegen ein bisschen Integration, aber Christ will ich zurzeit nicht werden. Mohammed spürt meine Furcht und hebt warnend den Zeigefinger: „Osman, ich mische mich da nicht ein! Aber du hast Familie und Kinder, denk auch an sie!“

Daran denken tue ich schon. Aber den Tannenbaum wegschmeißen kann ich nicht, hier behalten auch nicht. Es ist so, als hätte ich einen Stock in der Hand, der an beiden Seiten voll Mist ist … Ich weiß nicht, wie ich es anpacken soll?

… Und mir wird in dieser Sekunde mit Schrecken klar, dass mich nichts mehr retten kann.

Mir schwinden die Sinne, ich sehe einen Schatten aus der Zimmerecke hervortreten. Bei Allah, Mohammed hat Recht: Jesus ist da!

Er sieht genauso aus wie auf den Bildern von Oma Fischkopf. Erstaunlich, er hat sich überhaupt  nicht verändert: ein Langhaariger mit Bart, der sich in ein Bettlaken eingehüllt hat. Trotz der kalten Jahreszeit läuft er mit Sandalen herum. Außerdem schleppt er noch ein paar alte Dachbalken auf dem Rücken mit sich. Die Situation ist für mich völlig neu: Ob Sie es glauben oder nicht, ich hatte wirklich noch nie Jesus zu Besuch. Die Türken gelten zwar als ausgesprochen gastfreundlich, aber ich weiß überhaupt nicht, wie ich mich einem solchen Gast wie Jesus gegenüber verhalten soll?!

Ich kann ihm doch keinen Tee anbieten oder Kuchen. Döner schon gar nicht! Hat er denn heute nichts Besseres zu tun, als ausgerechnet mich zu besuchen?!

Mit zitternder Stimme sage ich zu ihm: „Lieber Herr Jesus, ich freue mich über Ihren Besuch. Aber ich möchte heute kein Christ werden. Morgen vielleicht.“

Mein Gast hebt die Balken hoch und ruft: „Das ist auch nicht nötig, mein Sohn Osi  (woher weiß er meinen Spitznamen?  Er ist wirklich ein Prophet!). Ich freue mich aber sehr, dass auch die Türken in Deutschland an meinem Geburtstag mitfeiern. Wir sind alle Gottes Kinder! Die Menschen sollten auch endlich lernen, ohne Kriege auszukommen!“

„Aber, lieber Herr Jesus, an den vielen Kriegen bin ich wirklich nicht schuld!“
„Ich weiß, mein Sohn, ich weiß, aber ich will dich nicht länger mit meinen Sorgen behelligen.
Kannst du mir bitte helfen, diese Balken durch das Treppenhaus hinunterzutragen? 
Dieser moderne soziale Wohnungsbau  ist einfach nicht kreuzgerecht!“

Gerne will ich aufstehen, um meinem Gast zu helfen, da höre ich die Stimme meiner Frau:

„Osman, steh doch endlich auf, du Faulpelz!
Der Wecker hat schon vor einer halben Stunde geklingelt!
Du musst doch gleich zur Arbeit!“
Benommen richte ich mich auf und frage völlig verwirrt: 
„Eminanim, was ist los?  Wo ist Mohammed, wo Jesus?“
„Also, mir sind bis jetzt weder Mohammed noch Jesus über den Weg gelaufen.

Ich sah gerade nur, dass Moses die Weser zweigeteilt hat und nach drüben in die Neustadt gegangen ist, um einzukaufen!“

Osman Engin

 

Quelle: Käßmann, Margot
           Meine schönsten Weihnachtsgeschichten aus aller Welt
           Verlag Herder

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Ein alter Mühlstein - ein Stück Heimat

Ein Grab auf dem Friedhof in Anholt an der holländischen Grenze.  Großer, runder Stein, in der Mitte eine kreisrunde Öffnung, darin ein metallenes Kreuz.  Drei Namen, oben der Familienname, links zwei, rechts ein Vorname. Auf der Oberseite des Steins erkennt man Rillen, die strahlenförmig von der Mitte zum Rand führen.

Der Stein – es ist ein alter Mühlstein - hat eine Geschichte, hat seine  ganz eigene  Geschichte.

Die drei Verstorbenen, Stein und Kreuz, stammen aus Schlesien.  Die Menschen  wurden nach dem zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat  Schlesien vertrieben.

 

 

Stein und Kreuz, die zur  Familie  gehörten, blieben, zunächst.   Jahrzehnte schon  hatte  der Mühlstein auf dem Außengelände  des Hofes und der dazugehörenden Mühle  gelegen.

Mühlsteine nutzen sich ab, greifen  nicht mehr gut, müssen mühsam nachgearbeitet werden. Irgendwann sind sie  so abgenutzt, dass man sie nicht mehr gebrauchen kann.   So war es mit diesem Stein geschehen. Man hatte ihn abgelegt, direkt neben der Straße. Andere Steine, Pflastersteine, lagen dort, etwas Sand, Büsche wuchsen, und eine Bank stand da.

 

Das alles  lockte Kinder zum Spielen an. Sie  konnten klettern, springen, Versteck spielen. Ein Foto aus den dreißiger Jahren  zeigt es. Auch die vier Kinder der Familie Strauch werden hier oft gespielt haben.

Das metallene Kreuz gehörte zu der kleinen Kapelle, die an der einen Hauswand des Gehöftes angebaut war. Als die Kapelle nach dem Krieg abgerissen wurde, nahm  ein  Pole aus der Nachbarschaft das Kreuz  an sich und bewahrte es auf.

In den siebziger Jahren , als man wieder ganz normal in den Osten reisen konnte, entdeckte Harti, ein Sohn des letzten deutschen Besitzers, bei einem Besuch in der Heimat den Mühlstein wieder. Er lag allerdings nicht mehr an dem ihm bekannten Platz, sondern auf dem Gelände des Hofes und diente der Hundehütte als Sockel oder Bodenplatte.

Bei seinen weiteren Besuchen war Hartis erster Gang zur „Hundehütte“, nein, zum Mühlstein. Für Harti war das kleine Dorf in Schlesien Heimat, war wichtig für ihn, hatte einen hohen Wert. Dort war sein „Zuhause“, nirgendwo sonst. 

Er starb früh, Familiengrab in Anholt, die Eltern lagen da schon.  „Zuhause“, der Gedanke  ging seiner Frau nicht aus dem Sinn. Sie „entwickelte“ einen Plan, der  bei vielen  Kopfschütteln verursachte, Verständnislosigkeit erzeugte. Aber auch respektvolle  Zustimmung; „Ja, schön wär's ja. Aber wie??  Es wäre ganz im Sinne von Harti!“

Der Mühlstein sollte geholt werden, ein Stück Heimat sozusagen, er sollte sein Grabstein werden. Die Kinder sagten zu, ihn zu holen, liehen einen kleinen Lieferwagen und fuhren los. Es wurde eine Fahrt mit vielen Hindernissen. Die Handys waren gerade aufgekommen, so konnten die Kinder mit der Mutter in ständigem Kontakt bleiben, die natürlich schlaflose Nächte hatte. Es war ja schließlich ihr  Plan! Wenn nur alles gut ging!

Der polnische  Besitzer des Gehöftes und damit auch Besitzer des Mühlsteines war informiert und bereit, den Stein abzugeben. Er  stellte den „Käufern“ eine Quittung aus und half beim Einladen. Das war nicht einfach. So ein Stein hat sein gutes Gewicht und braucht  Platz. Es wurde eng, zu eng, so dass man ein Stück abschlagen mußte. Mit viel Mühe schaffte man schließlich alles.

Nächstes Problem: die  Grenze .  Ist ein Mühlstein ein Kulturgut oder nicht?  Wenn ja, dann darf er nicht ausgeführt werden. Die Klärung dieser Frage kostete viel Zeit, Gespräche mit  verschiedenen Instanzen waren nötig. Ergebnis: Er durfte ausgeführt werden. Vielleicht hat die oft mit Nachdruck wiederholte  Begründung: „Er ist doch für das Grab unseres Vaters“, beeindruckt!

Nächstes Hindernis, mit dem die Familie so gar nicht gerechnet hatte, das Friedhofsamt. „So etwas gehört nicht auf den Friedhof!  Ist gegen die Friedhofsordnung! Ist zu schwer! …“. Mit  Unterstützung eines Steinmetzes kam dann doch alles zu einem guten Ende. Er halbierte  den Stein und setzte das fehlende Stück wieder ein.

Der polnische Nachbar brachte bei einem späteren Besuch das kleine metallene Kreuz als Geschenk mit, es fand seinen Platz in der Mitte des Steines.

Aus dem Mühlstein wurde so  ein schöner Grabstein. Ein ganz eigener: Grabstein und zugleich ein Stück Heimat.

Schön, dass Menschen polnischer  und deutscher Nationalität zum Gelingen beigetragen haben. Deshalb sollte die Geschichte nicht nur in der Erinnerung der Familie erhalten bleiben.

 

Maria Beier